Leben wir das Leben, das wir uns aussuchen? Oder das Leben, das sich zufällig für uns ergibt? Oder gibt es gar doch eine höhere Macht mit einem großen Plan, den wir erst am Ende unseres Lebens verstehen können – wenn überhaupt?
Es ist Anfang Dezember 2023 und ich bin auf der anderen Seite des Erdballs, mein Tag ist vorbei, während es in Europa Zeit für Mittagessen ist. Mein Bett steht vor einem Panoramafenster, vor mir liegt Taipeh, ich sehe Straßen, Kreuzungen, so viele Kreuzungen, soweit das Auge reicht. Dort entlang eilen Menschen, die ganz andere Leben führen als ich.
Es ist die erste Reise nach meinem Reisesabbatical, bezahlter Urlaub, nachdem ich wieder festangestellt bin. Noch nie habe ich auch nur ansatzweise so viel Geld für ein Hotelzimmer nur für mich allein ausgegeben – und das fühlt sich gut an. Ich bin dankbar, dass ich mir das leisten kann.
Es geht mir besser als im vorherigen Jahr zu diesem Zeitpunkt; besser als zwei Jahre zuvor; als drei. Ich zelebriere mehr, wer ich bin. Dass ich eine Single-Frau bin Mitte 30, dass ich einfach allein nach Taiwan fliegen und dort in ein teures Hotel mit einem teuren Frühstück einchecken kann. Dass vor mir lauter Tage liegen, an denen ich tun und lassen kann, was ich will. Dass ich mich nur um mich kümmern muss.
Würde ich mein Leben haben wollen, wenn es nicht meins wäre?
Während meiner Reisen passiert es immer wieder mal, dass mich kleine Mädchen fasziniert ansehen, wenn ich ihren Weg kreuze. Das freut mich immer und ich überlege dann: Wäre auch ich, als ich klein war, von mir selbst fasziniert gewesen, wenn ich mich auf der Straße gesehen hätte? Ich glaube schon.
Die größere Frage ist jedoch: Würde ich jetzt mein Leben haben wollen, wenn es nicht meins wäre? Wäre ich gar neidisch auf mich selbst?
„Ich habe mal gelesen, dass wir das Leben führen, das haben wollen“, habe ich mal zu jemanden gesagt. In dem Moment, in dem ich es aussprach, musste ich diese Aussage allerdings sofort relativieren. Das Leben, das ich führe, führe ich auch deswegen, weil ich privilegiert bin und dadurch Zugang zu bestimmten Gesellschaftsschichten und Bildungswegen habe. Weil in den richtigen Momenten die richtigen Menschen von meinem Können überzeugen konnte. Weil es einflussreiche Menschen gab, die mir wohlwollend begegnet sind und mein Potenzial erkennen konnten.
Aber, um auf die Ursprungsfrage zurückzukommen: Ja, natürlich habe ich mir mein Leben in gewisser Weise ausgesucht.
Als Teenager und mit Anfang 20 habe ich gerne Bücher gelesen, die an vielen verschiedenen Orten spielen, bei denen man die Protagonistinnen über Jahre hinweg dabei begleitet, wie sie ihr Leben aufbauen, wie sie die Steine, die ihnen immer wieder auf den Weg geworfen werden, beiseite räumen. Wie sie durch die Welt ziehen, wie sie etwas erschaffen, wie sie wachsen, wie sie fallen und schnell wieder aufstehen, wie sie es nicht zulassen, dass die Interessen anderer Menschen sie besiegen. Diese Protagonistinnen waren meine Vorbilder.
Ich wollte auch so ein Leben haben. Ein Leben an vielen Orten, das Herumziehen in der Welt, ihre Schönheit in allen Himmelrichtungen, intensive Farben, Kreativität, Erfolg, schöne Kleider. Ein ereignisreiches Leben.
Ich habe nun so ein Leben.
“What if this life is the one that we begged for”
Ein paar Wochen später: Das neue Jahr hat gerade frisch begonnen, als eine ehemalige Kollegin auf Instagram folgenden Reel von nathanleeallen in ihrer Story teilt.
“What if this life is the one that we begged for”,
höre ich die Stimme von lenakarla zu schönen Schnittbildern,
“What if my higher power has sent me back
So that I can see the mountains again
Swim in the lake…“
Weitere schöne Momente werden genannt, wie mit Freunden lachen und sich selbst Blumen kaufen, aber auch traurige, wie „get my heart broken over and over“ und Verzweifelt-Weinen.
“What If I made a promise”, endet der Text. “That I would never forget the miracle of being here.“
Es gefällt mir. Es berührt mich. Ich speichere es ab. In dem Moment weiß ich noch nicht, dass ich den Text demnächst auswendig zitieren kann.
Vielleicht wollte ich die Geschichte einer Odyssee
Dann ist Februar. Seit meiner Zeit in Taiwan sind zwei Monate vergangen und es kommt mir mittlerweile so vor wie ein anderes Kapitel meines Lebens. Es ist ein anderes Kapitel.
Noch nie bin ich so zuversichtlich in ein neues Jahr gestartet. Und dann ist in einer Zeitspanne von zwei Wochen alles auseinandergefallen. „Würde dies in einem Roman alles auf einmal geschehen, wäre es total unrealistisch“, sagt eine Freundin.
Ich wache auf in einem schmalen Bett, das nicht meines ist, in einer Wohnung, die nicht meine ist, in einer Stadt, in der es keine Wohnungen gibt. Schon seit so einer langen Zeit wünsche ich mir nichts sehnlicher als wieder eine eigene Wohnung zu haben.
Ich liege dort, der Autolärm der großen Straße, in die der Erker ragt, wo ich schlafe, dringt zu mir hoch in die fünfte Etage.
Dann wird mir allmählich wieder bewusst, was im Januar alles passiert ist.
Was ich verloren habe.
Wie mein Leben gerade aussieht. Dass ich mir mein Leben mit Mitte 30 so nicht vorgestellt habe. Und ich fühle mich ungemein traurig und deprimiert; hinterfrage alle meine Entscheidungen.
„Maybe I asked for this“, zitiere ich dann den Tenor des Reels in Gedanken.
Maybe I asked for that challenge. For that plottwist.
Die Geschichte einer Odyssee. Einen Abenteuerroman.
Vielleicht wollte ich all das.
Es genießen, da zu sein
Ich schließe einen Deal mit mir selbst: Jeden Tag arbeite ich daran, meine Probleme zu lösen, mich aus diesem Tiefpunkt wieder hochzuarbeiten. In der übrigen Zeit mache ich viele schöne Dinge. Jeder Tag soll trotzdem ein schöner Tag werden.
Und so trinke ich jeden Morgen genüsslich im Bett Kaffee, treffe mich mit Freundinnen in Restaurants oder im Kino, ich esse köstlich, betrachte Kunst, gehe weiterhin regelmäßig zum Yoga und zum Ballett, mitten am Tag Joggen. Ich mache ausgedehnte Spaziergänge durch die schönen Ecken von Berlin, fahre mit dem Fahrrad einmal quer durch die Stadt, besuche eine feministische Buchhandlung, die ich mir schon länger ansehen wollte. Ich lese etwas, wenn mein Kopf mich lässt.
An einem Abend schwimme ich zu später Stunde im Außenpool eines Spas. Über eine halbe Stunde drehe ich dort meine Runden; immer wieder habe ich währenddessen das große Becken ganz für mich allein. Es ist herrlich.
Ich genieße die Architektur und das Design um mich herum, das Licht der orientalischen Lampen, den kalten Nachthimmel über mir.
Und ich genieße es sehr, wie ich dort nackt entlang schwimme, meine Bewegungen im Wasser. Ich genieße es, dass ich dazu in der Lage bin; dass ich zuvor bereits Joggen war, Fitness- und Stretching-Übungen und einen langen Spaziergang machen konnte, ohne dass mir etwas weh tut, ohne dass ich mich erschöpft fühle.
Ich genieße es, in diesem Körper zu sein.
Ich genieße es, dass ich da bin. Dass ich ein Teil des Großen Ganzen bin.
Dass ich dieses Leben habe, mit dieser einzigartigen, ereignisreichen Geschichte darin.
–
Ähnliche Texte von mir:
Ich muss auch dieses Buch sofort wieder zurückgeben
Neuanfänge, die immer besser werden
Alleine reisen und alleine Geburtstag haben
Einen Roman schreiben und worum es dabei geht
Der Fluch der vielen Möglichkeiten und mein Ich in unzählbaren Universen
Entdecke mehr von dresses and places
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Ein Gedanke zu „Das Leben, das wir uns aussuchen“