Welches Jahr haben wir?

 

Ich sitze in einem taiwanesischen Zug auf dem Weg nach Shifen, als ich anfange, diesen Essay zu schreiben. Es ist der 1. Dezember, mein Resturlaub schwindet dahin, meine Taiwan-Reise ist fast vorbei, als mir mit einem Mal so richtig klar wird: 2023 wird bald ein vergangenes Jahr sein.

Es war ein gutes Jahr, denke ich. Es war nicht perfekt, es hatte seine Tiefpunkte, Momente der Verzweiflung und Trauer; aber es war ereignisreich, voller Abwechslungen, bunt und neu. Ein Jahr, das einen Richtungswechsel darstellt, einen bedeuteten Marker in meinem Lebensweg.

 

 

Es war 2021, als ich meiner besten Freundin, mit der ich damals Silvester verbrachte, vorschlug, unser Jahr zu reflektieren: indem wir alles aufschreiben, was wir zum ersten Mal gemacht haben, was besonders war, wofür wir dankbar sind, und so weiter.

Sie fand diese Idee doof. „Ich gucke lieber nach vorne als zurück“, sagte sie. Sie wollte stattdessen lieber die Ziele für das kommende Jahr aufschreiben.

 

 

Das ist natürlich ein Argument, aber ich bin der Meinung: Der Sinn des Lebens ist, dass wir möglichst viele schöne Erinnerungen sammeln. Zum Jahresende einen Überblick dieser Erinnerungen zusammenzustellen, ist daher ein schönes Ritual.

Wenn ich die vergangenen Jahre rekapituliere, mache ich das also nicht, um nicht nach vorne zu blicken. Sondern um mein bisheriges Leben zu bewundern und mir Entwicklungsschritte zu vergegenwärtigen.

2021 war zum Beispiel das Jahr, in dem ich in drei Städten gewohnt habe: Düsseldorf, Hamburg und Brüssel. Es war das Jahr, in dem ich zum ersten Mal fürs Fernsehen gearbeitet habe. In dem ich mein Angestellten-Dasein verlassen habe, um eine Zeitlang freiberuflich zu arbeiten.

Ein Jahr in insgesamt 15 Ländern

2022 war das Jahr, in dem ich zunächst meine Arbeitszeit reduziert habe, um mehr Zeit für mein nicht-journalistisches Schreiben zu haben. Es war das Jahr, in dem ich zu meinem tollen Brüsseler Französisch-Kurs gegangen bin, an den ich immer noch sehnsüchtig zurückdenke.

Das Jahr, in dem ich dann meinen Job und mein Zimmer in Brüssel gekündigt habe, um das zu tun, von dem ich immer gesagt habe, was ich tun würde, wenn ich nicht arbeiten müsste: einfach nur reisen, schreiben und fotografieren. Ein Schriftstellerinnen-Leben führen, ein Digital-Nomad-Leben.

Es war ein Jahr, das ich in insgesamt 15 Ländern verbracht habe. Ich habe dabei so viel über mich gelernt; was ich will und was ich nicht will. Ich möchte zwar die Welt sehen, viel erleben und etwas erschaffen. Ich brauche aber auch feste Strukturen und Aufgaben – und ein richtiges, eigenes Zuhause.

 

 

 

2023 ist das Jahr, in dem ich in diese festen Strukturen zurückgefunden habe. Ich habe einen neuen Job angefangen – der mir sehr gut gefällt. Ich bin nach Berlin gezogen, habe mir eine Sport-Routine geschaffen und neue Freunde gefunden. Von all den Menschen, die nun zu meinem Berliner Leben gehören, kannte ich bis zum Frühsommer keinen einzigen.

Jedes Jahr verändert uns. Mit jedem Jahr, das vergeht, sind wir jemand anderes. Ich bin jetzt anders als 2021 und 2022. Wer werde ich Ende 2024 sein? Wo werde ich sein? Wo gewesen sein?

 

 

2024 wird das Jahr sein, in dem ich für zwei Monate in den Niederlanden leben werde. Vielleicht in Amsterdam, vielleicht in Rotterdam, vielleicht in Den Haag; das steht noch nicht fest.
Es wird das Jahr sein, in dem ich zum zweiten Mal beruflich mit einer Europawahl zu tun habe.

Es wird, so hoffe ich, das Jahr sein, in dem ich endlich eine eigene, dauerhafte Bleibe in Berlin finde. Das ist wirklich mein größter Wunsch.
Ansonsten wünsche ich mir weitere Reisen, vertiefte Freundschaften und natürlich Gesundheit.

Und ganz unspezifisch: Ein weiteres ereignisreiches, vielseitiges, spannendes, erkenntnisreiches Jahr voller schöner Momente.

Was werde ich heute in einem Jahr alles erlebt haben?

Es ist der 23. Dezember 2023. Ich sitze mit meiner Freundin M. in einem japanischen Café in Berlin. Wir reden über die nächsten Monate, über ihre bevorstehenden Weiterbildungs-Prüfungen und was sie danach alles machen kann. Über das Journalisten-Austauschprogramm, an dem ich teilnehme.

„Stell dir vor, was wir heute in einem Jahr alles erlebt haben werden“, sagen wir. Es fühlt sich so gut an, dass uns ereignisreiche Zeiten bevorstehen. Dass wir voller Spannung nach vorne blicken.

Einige Stunden zuvor hat mein Staffelfinale von 2023 sogar noch einen gehörigen Cliffhanger bekommen.

 

 

Jemand holt mich von der Ballettschule ab.
Mein Lieblingsviertel von Berlin im Eisregen,
eine Winternacht, in der es blitzt und donnert,
eine Bar, in der sie uns nachts um halb 3 rauswerfen, weil sie jetzt wirklich schließen müssen.
Was glaubst du, wie alt du wirst?
Wie viele Sommer bleiben noch? Es sind gar nicht so viele.
Bunte Metrolinien und Anzeigetafeln.
Ein Fuchs, der den Weg kreuzt.
Warum ist diese Stadt nur so riesig?

Die Nacht geht schon fast in den Morgen über, als ich die Haustüre aufschließe.

Beschwingt laufe ich die fünf Stockwerke hoch bis zu meiner Wohnung.

Es ist wieder da, dieses Gefühl. Über zwei Jahre sind vergangen, seitdem ich es das letzte Mal bei jemandem hatte. Und jetzt ist es tatsächlich wieder da.

Ich bin ganz erstaunt darüber, denn ich hatte so oft den Glauben verloren, dass es mir irgendwann nochmal passiert. Und wenn doch, so dachte ich, würde ich völlig in Panik geraten, wegen meiner großen Angst davor, verletzt zu werden.

Aber ich habe keine Angst.

Ich freue mich einfach über dieses Gefühl. Ich freue mich darüber, wie erstaunlich dieses Leben ist.

Dieses wunderbare Leben, wie es sich mit all seinen Jahren vor uns entfaltet.
Mit all seinen neuen Chancen, die es immer wieder für uns bereithält.

 

 

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