Ich muss auch dieses Buch sofort wieder zurückgeben


 

„The reality is
that nothing is yours
to keep forever“,

erzählt mir das Reel mit einem Text von whitneyhansonpoetry,
das mir Instagram im Dezember in meine Timeline spült und mich sofort richtig berührt.

„so you borrow time
love and joy

you check them out
like books from a library

and try not to spend
your life mourning
moments in time

or missing people
who are never yours to keep

 

 

Instead you cherish
each page you turn
you stain some with tears
you are filled with joy on others

and when it is over
you place the book back on the shelf”

Was für ein schöner Vergleich, finde ich.

“and you cry for the end
of one story
while you pick up
the next book

this is how
you begin again”

Das ist es, denke ich.
Ich sollte ein neues Buch nehmen.
Ich bin vor langer Zeit aus Brüssel weggegangen.
Ich wohne jetzt in Berlin. Ich mag mein Leben hier.

Ich sollte ein neues Buch nehmen,
es aufschlagen,
in die neue Geschichte richtig eintauchen,
mich ganz darauf einlassen.

Ich mache es.

 

 

Ich tausche den Orient Express gegen den Hamburger Bahnhof,
eine Bar in St Gilles gegen eine im Wedding,
ich tausche den Jardin du Roi gegen eine Kreuzung im Sprengelkiez,
den Parc Duden gegen den Görlitzer Park.
Ich trinke Kaffee in einer anderen fremden Wohnung,
betrachte dort ein anderes Bücherregal.

Ich packe Übernachtungen dazu,
lange Nachrichten;
das Gefühl, schön und beeindruckend zu sein.

Es ist eine viel schönere Geschichte, denke ich.
Es fühlt sich viel besser an.

 

 

Doch ich muss auch dieses Buch sofort wieder zurückgeben,
Ich muss auch diese Begegnung sofort wieder loslassen.

Die Details, die Szenen, die Orte,
die Protagonisten, der Handlungszeitraum –
alles ist anders.
Trotzdem ist es wieder die gleiche Geschichte.

 

 

Und kurze Zeit später muss ich alles zurückgeben.

Alle meine Wege und Lieblingsorte,
die Wiese am Spreeufer,
die Cafés, in denen ich geschrieben habe,
die Yogastudios und die Ballettschule,
meine neuen Freundschaften.

Ich muss die ganze Stadt zurückgeben.
Mein ganzes neues Leben.

 

 

Ich sitze im Zug, der aus Berlin hinausfährt,
weiter nach Hannover,
durch das westfälische Land, das Ruhrgebiet, das Bergische Land.
Niederrhein. Da bin ich wieder.
Ich bin zurück auf Los.

Kolleg:innen schreiben oder rufen an,
sagen, wie leid es ihnen tut,
wie schockiert, entsetzt und sprachlos sie sind.

Die ganze Zugfahrt über kann ich nicht lesen,
keinen Podcast hören, keine Serie auf meinem Tablet gucken.
Fünf Stunden sitze ich nur da und schaue aus dem Fenster,
während ich in meinem Inneren bitterlich
das Ende beweine.

Aber letztlich gibt es nur eine Sache zu tun.

Ich werde ein neues Buch nehmen.
Ich werde es aufschlagen.
Eine neue Geschichte wird sich vor mir auftun.

Ich werde neu anfangen.
So einfach ist das.

 

 

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