Du und ich und der Mond

 

 

Wir beobachten, wie der Mond
durch den Himmel wandert,
wie er hinter dem Eiffelturm verschwindet
und sofort wieder da ist.

Ich finde ihn so faszinierend,
diesen Himmelskörper,
bei dem Wissenschaftler rätseln,
wo er herkommt.
Der wie alles durch Zufall entstanden ist,
vielleicht nach einem Zusammenstoß
einen Teil der Erde in sich trägt,
und genau dort sein muss, wo er ist,
damit unser Leben funktioniert.

Wie auch bei Begegnungen
alles so sein muss, wie es ist,
damit es passiert.

Ich habe mir so sehr jemanden gewünscht,
mit dem ich gemeinsam
voller Begeisterung den Mond betrachten kann.
Und da sitzen wir nun,
in einer Sommernacht am See.

Eine Woche später erzähle ich dir,
wie ich den Vollmond vom Flugzeug aus sehen konnte,
wie er mit mir durch die Nacht flog,
und dann groß über Jerewan thronte,
diese Stadt, die Tragik und Zuversicht zugleich ist.

Ich bin so viele Städte
und du bist die eine,
in der ich dich danach besuche.

Du bist wie ich
ein Maler schöner Erinnerungen
und so erreichen wir den Gipfel,
als die Sonne verschwindet.
In der Dunkelheit geht es nach unten
und als wir den Mond entdecken,
ist er nur eine kleine Linie.
Ein zunehmender Sichelmond,
einen Tag nach Neumond.

Den Neumond selbst können wir niemals sehen.
Er bleibt unter dem Horizont
und seine Nacht ist die dunkelste von allen.
Das Neue sehen wir immer erst,
wenn wir schon mittendrin sind.

Du kochst für mich
ein typisches Gericht aus einem Land,
in dem ich mal gelebt habe.
Dazu Wein aus einer italienischen Region,
die auch Teil meiner Geschichte ist.
Ich bin so viele Jahre mehr als du
und ich erzähle.
Ich zeige dir meine liebsten Lieder,
auf Niederländisch, Französisch und Arabisch.
Ich mag die Fröhlichkeit der Trompeten,
die Sehnsucht der Oud,
das Drama der Geigen,
und du bist das Klavier.

Vielleicht, denke ich,
hat alles vorher nicht funktioniert,
damit ich jetzt hier sitze,
und so bekocht werde,
wie noch nie in meinem Leben.
Vielleicht habe ich einen so langen Weg
hinter mir, damit
ich nun hier bin
und dir all das zeige,
was ich dabei eingesammelt habe.

 

 

Ich bin zurück in meiner Stadt
und ein halber Mond
steht hoch über dem Eiffelturm.
Ich versuche, ihn zu fotografieren,
um dir ein Bild zu schicken.
Doch den Mond können wir nicht einfangen,
und auch keine Menschen,
Erlebnisse und Wünsche.

Kommst du nochmal nach Berlin?
Ich hätte so viele Ideen.
Oder ich nach München?
Wir könnten uns irgendwo dazwischen treffen.
Oder ganz woanders,
dort, wo die Straßen von Zypressen umsäumt sind.

Der Mond wird mehr
und wieder weniger

und die Antwort darauf wird
ein Nein.

Du siehst nur die Kilometer
und die Stunden zwischen uns.
Und dadurch sehe ich die Jahre.
Die Monde, die noch fehlen.

 

 

Mit jedem Tag, der verstreicht,
sieht der Mond anders aus,
leuchtet zu verschiedenen Zeiten
in meine Wohnung hinein.
Es ist immer wieder ein neuer Zauber.

Ich habe den Mond.
Ich habe mich selbst.
Und der Eiffelturm ist gerade blau.

 

Die Bilder stammen aus der Ausstellung „Schilderen als laatste toevlucht – Painting as a last resort“ von Matthew Wong, die vom 1. März bis 1. September 2024 im Van Gogh Museum in Amsterdam stattfand.

 

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