Neuanfänge, die immer besser werden

 

Der Freitagabend in Berlin ist dunkelblau, als ich die Ballettschule verlasse.
Eine Stunde lang habe ich meine Beine gestreckt, gedreht, geknickt und nach oben geschleudert.
Ich steige auf mein Fahrrad, fahre zurück von Charlottenburg nach Moabit. Ich fahre durch das Ende eines Sommertags, der sich langsam abkühlt, der sich allmählich schwarz färbt, vorbei an bunten Lichtern, an Menschen in Restaurants, an Straßenkreuzungen.
Mein Körper fühlt sich gut an.
Mein Leben fühlt sich gut an.
Ich fühle mich gut.

Als schönsten Moment meines Wochenendes werde ich meinen Fahrradweg nach Hause ein paar Tage später bezeichnen.
Ich bekomme diese Frage gestellt und kann mich kaum für einen Moment entscheiden, als ich mein Wochenende im Schnelldurchlauf in meinem Kopf durchspule.

Ich könnte den Samstagmorgen nennen, an dem ich endlich, endlich mal wieder ausschlafen konnte.
Ich könnte erzählen, dass ich zu einer japanischen Massage gegangen bin, weil sie in meiner Urban-Sports-Mitgliedschaft beinhaltet ist und ich das mal ausprobieren wollte. Dass ich anschließend noch in einer Buchhandlung war, um zu gucken, ob sie ein bestimmtes englisches Buch dahaben, das ich lesen will – sie hatten tatsächlich ein Exemplar vorrätig, das ich dann gekauft habe.

Ich könnte auch den Sonntagmorgen nennen, als ich mich darüber freute, dass ich am Empfang der Yogaschule wiedererkannt wurde – dass sie sich dort wiederum freuten, als ich sagte, dass der Kurs nun meine neue Sonntagsvormittagsroutine ist.

 

 

Fast entscheide ich mich für einen Moment am Sonntag, als ich am Spreeufer in der Sonne saß und gelesen habe: ein Buch, bei dem ich das Gefühl hatte, endlich wieder eins gefunden zu haben, das mich so richtig packt.
Oder doch lieber mein langer Spaziergang am Sonntagabend entlang des Flusses, während die Sonne langsam verschwand und Moabit in Gold tauchte?

Es ist Anfang August und seit zwei Wochen wohne ich in einer neuen Stadt.
Wieder mal.

Fragt man mich, wie oft ich schon umgezogen bin, muss ich mich zurücklehnen, nachdenken und brauche meine Finger als Zählhilfe.

Ich bin schon so oft umgezogen

Nach der Schule bin ich für meine Berufsausbildung nach Hamburg gezogen. Dort habe ich erst in Winterhude gewohnt, dann in Eilbek und schließlich in Dulsberg.
Zum Studium bin ich nach Lüneburg gezogen, während meines Auslandssemesters habe ich ein halbes Jahr in Genua gewohnt.
Nach dem Studium zog ich nach Düsseldorf, dort habe ich im Stadtteil Stadtmitte gewohnt.
Zweieinhalb Jahre später dann nach Brüssel, in die Commune Etterbeek; wiederum zwei Jahre später zurück nach Düsseldorf, wo ich erst in Flingern und dann in Bilk gewohnt habe.
Ein dreiviertel Jahr später ging es für ein halbes Jahr nach Hamburg – diesmal war Eimsbüttel mein Stadtteil –, danach wieder für ein drei Viertel Jahr nach Brüssel, wo ich erst ein paar Monate in Ixelles und dann noch ein paar weitere Monate in St Gilles gewohnt habe.
Klingt anstrengend – war es auch.

Vor ein paar Monaten las ich in einer Ausgabe von „Zeit Wissen“ sinngemäß folgenden Absatz: Viele junge Leute von heute bleiben nicht mehr irgendwo. Alle paar Jahre ziehen sie für den Job woanders hin, geben ihr bisheriges Umfeld auf und fangen wieder neu an. Das macht sie kaputt.
Ich konnte mich sehr darin wiederfinden.

Auch meine beste Freundin sagte im Sommer: „Du bist schon so oft umgezogen. Und jetzt ziehst du nach Berlin und fängst mit 34 nochmal neu an. Das ist krass.“

Ja, das ist es.
Aber es geht nicht anders.
Ich brauche nun mal einen Job; einen, der mir gefällt und zu mir passt. Der ist leider nicht in Hamburg, wo ich am liebsten hingezogen wäre, sondern in Berlin. Also gehe ich dorthin.

 

 

Aber ich habe einen Vorteil im Vergleich zu meinen früheren Umzügen: Ich habe dazu gelernt.
Ich habe gelernt, mich von Anfang an darum zu kümmern, das Beste aus einer Stadt herauszuholen.

Als ich in der zweiten Jahreshälfte 2020 nach Düsseldorf zurückgekehrt bin, war das in Anbetracht der zweiten Welle der Corona-Pandemie inklusive Lockdown natürlich nicht die beste Zeit, um eine Stadt voll auszukosten. Doch ich tat, was möglich war.

So habe ich dennoch neue Menschen kennengelernt, neue Restaurants ausgetestet (und deren To-Go- oder Lieferservice), in zahlreichen Supermärkten der Stadt gestöbert und dort genüsslich eingekauft. Ich habe einen Niederländisch-Sprachkurs besucht und ich bin – wie so viele in jener Zeit – viel spazieren gegangen, und habe so viele Ecken von Düsseldorf gesehen, in denen ich in den Jahren davor nie gewesen war.

Eine neue Lebensphilosophie

Gehe ich in meinem Kopf drei Jahre zurück zu dieser Zeit meines Lebens, dann finde ich viele schöne Erinnerungen: Aufwachen vom Geräusch der Kaffeemühle. Glühwein-To-Go und mit Blüten verzierte Brownies. Puzzeln und Hörbuch hören. Ein Silvester zu dritt mit Gesellschaftsspielen. Frittierte vegane Sushi und ein feministischer Buchclub. Serien- und Filmabende und viel Lachen.

Ich habe damals begonnen, eine neue Lebensphilosophie zu leben. Das Schöne im Alltag wertschätzen, Tage nicht einfach vorbeiziehen lassen, sondern zu guten machen, jeden Sonnenschein einfangen.

 

 

Im Frühjahr 2021 – also ebenfalls im Corona-Lockdown – setzte ich das weiter in die Tat um, als ich nach Hamburg ging. Und so wurde das fast halbe Jahr, das folgte, zu einer Geschichte über Lesen im Park, über eine neue Lieblingsbuchhandlung, lange Spaziergänge in dieser tollen Stadt, E-Scooter-Fahrten entlang der Alster und Schlauchbootfahrten darauf, viele spontane Treffen mit meiner besten Freundin, mit der ich seit langem endlich mal wieder in der gleichen Stadt wohnte, Blumen, die ich mir selbst gekauft habe, Galao und Pasteis de Nata in der Sonne, Macarons, gutes Essen zum Mitnehmen, und als dann im Juni 2021 die Restaurants wieder eröffneten: über japanische Restaurants, indische, türkische, marokkanische, syrische und georgische.

Als ich Hamburg verließ, tat ich das mit den Erinnerungen an einen richtig schönen Sommer. Ich ging mit dem Gefühl, nicht gehen zu wollen.

Die Stadt wie eine Touristin erkunden

Da ich meine Zeit in Düsseldorf und Hamburg so sehr genossen hatte, wollte ich schließlich gar nicht mehr nach Brüssel zurückkehren. Aber Vertrag ist Vertrag – und so lief ich, nachdem ich über ein Jahr fort gewesen war und nicht geglaubt hatte zurückzukommen, wieder durch die Straßen dieser Stadt. Es war ein unbeschreibliches Gefühl.

Brüssel ist eine schöne, lebenswerte, vielseitige, spannende Stadt. Doch es gibt etwas, was ich dort nicht hatte: richtig tiefe Freundschaften. Deswegen assoziiere ich diese Stadt leider auch mit großer Einsamkeit. Es gab nur wenige Menschen, denen ich Bescheid geben konnte, dass ich wieder da bin.

Deswegen hatte ich folgenden Vorsatz: Ich würde mich einfach so verhalten, als wäre ich Touristin in der Stadt; die Stadt erkunden, wie ich Städte erkunde, wenn ich allein verreise. Und ich wollte all das tun, was ich in den zwei Jahren, in denen ich zuvor in Brüssel gewohnt hatte, letztlich doch nicht geschafft hatte zu unternehmen.

Ich erkundete viele verschiedene Parks, setzte mich in jeden Sonnenschein, den ich finden konnte, und las oder schrieb.

Ich besuchte Antwerpen, Leuven und Namur; und fuhr für ein verlängertes Wochenende nach Paris. Sah mir die große Kirche von Brüssel an, die ich bislang immer nur aus der Ferne gesehen hatte.

Ich besuchte alle Museen und Buchhandlungen, die mich interessierten; saß an freien Tagen unter der Woche in einigen Cafés und schrieb – und erschuf damit eine Schreibroutine, die mir bis heute Halt gibt.

 

 

Ich zog für ein paar Monate in eine internationale WG, fand über Bumble BFF eine belgische beste Freundin, spazierte stundenlang durch die Stadt; kaufte ein in spanischen, polnischen und arabischen Supermärkten.

Ich besuchte Künstler in ihren Ateliers und legte den Grundstein für meine eigene kleine Kunstsammlung.

Ich belegte endlich einen Französisch-Kurs, den ich dann so sehr geliebt habe und nach dem ich mich heute noch zurücksehne.

Kurzum: Ich versuchte, das maximal Positive aus meiner Zeit vor Ort herauszuholen. Als ich Brüssel acht Monate später wieder verließ, tat ich das mit dem Gefühl, die Zeit diesmal wirklich so gut wie möglich genutzt zu haben.

Alles im Schnelldurchlauf noch einmal

Es war Ende Juli vergangenes Jahr, wenige Tage vor meinem Umzug nach Berlin, als ich in Düsseldorf von der Ecke S-Bahnhof Zoo in Richtung Wehrhahn lief und von dort aus weiter zum Hauptbahnhof. Ich lief einen Weg entlang, der bis Juli 2018, als ich zum ersten Mal nach Brüssel ging, mein täglicher Arbeitsweg gewesen war. Ich überquerte die Schirmerstraße, zum unzähligen Mal in meinem Leben und dachte darüber nach, wie viel ich seit jenem Sommer vor vier Jahren erlebt hatte.

Und ich dachte: Dass es sich so anfühlte, als hätte mich das Universum in die drei großen Städte meines Lebens – Düsseldorf, Hamburg und Brüssel – zurückgeschickt, um sie im Schnelldurchlauf noch einmal zu erleben. Es war, als hätte mich das Universum alles noch einmal machen lassen, damit ich lerne, wie es besser geht. Wie Neuanfänge gut werden – und immer besser.
Vielleicht damit ich bereit bin, woanders hinzugehen – wo ich endlich länger bleibe. Oder gleich für immer.

 

 

Als ich nach Berlin kam, habe ich die Fremdheit, die sich am Anfang über einen erstreckt, so schnell wie möglich beiseite geräumt. Und habe sofort so Vieles gefunden, das ich liebe.

Ich liebe es, morgens aus der Tür zu treten, mein Fahrrad vom Hinterhof auf die Straße zu schieben und dann loszufahren, durch die schönen Straßen des Westfälischen Viertels, ein kurzes Stück an der Spree entlang, an der Siegessäule vorbei, durch den Tiergarten, quer über den Potsdamer Platz ins Büro.

Ich liebe es, dass ich nur wenige Minuten Fußweg vom Wasser weg wohne, sodass ich bei gutem Wetter fast jeden Tag am Spreeufer sitze. Ich liebe es, dort zu lesen, zu schreiben, Musik, Podcasts oder Hörbuch zu hören, oder einfach nur dazusitzen, die Bewegungen des Wassers zu beobachten und nachzudenken, notiere ich zu der Zeit.

Ich kann von Weintrinken in Buchcafés erzählen,
von einem Geiger auf meiner Straße,
von einem Sonntagsspaziergang mit einem Hund,
von Popcorn, das nach weißer Schokolade schmeckt,
von Zitronenlimonade am Wasser,
von einer Pizza, die genauso ist, wie eine Pizza meiner Meinung nach zu sein hat,
von einem großen, goldenen Mond,
der auf der anderen Seite des Ufers auf den Dächern liegt,
von Kinoabenden und Museen,
von Yogastudios und Tischtennisspielen,
von einem Planetarium und den Räumen des Europahauses,
von einem Diplomatenfahrzeug und meinem Namen in der Zeitung,
von fremden Menschen in Cafés, Parks und der Bahn, die diese Zeitung lesen,
und von einem Ballettlehrer, der über unsere Körperhaltungen schimpft, über unsere Unfähigkeit, uns die Bewegungsabläufe zu merken; und dabei zugleich liebevolle Lebensweisheiten verteilt, von denen ich bereits ein paar beherzige.

 

 

Und ich kann davon erzählen, wie ich mich Ende Dezember nach den Weihnachtstagen sofort wieder auf den Weg nach Berlin gemacht habe, statt in meinem Heimatort zu bleiben, weil ich meine freien Tage lieber in der Hauptstadt verbringen wollte.
Der ICE fährt in die Stadt rein, durch Charlottenburg, und dann an Moabit vorbei, es geht irgendwann über die Brücke am Spreeufer, wo ich im Sommer so oft gesessen hatte; und die ganze Zeit habe ich es: dieses Kribbeln.

Dieses Kribbeln, das ich auch habe, wenn der Zug auf den Hamburger Hauptbahnhof zurollt: über die Elbbrücken, an der Hafencity vorbei, am Gebäude meines ersten Arbeitgebers und an den Deichtorhallen.

Eine weitere Stadt, die dieses Gefühl auslöst

Ich habe es auch, wenn ich nach Düsseldorf fahre; wenn der Zug am Zooviertel vorbeifährt, an der Toulouser Allee, am Wehrhahn, wo ich mal gewohnt habe, auf den Hauptbahnhof zu.

Ich habe es bei Brüssel, wenn sich die Stadt mit ihren belgischen Häusern und sternförmigen Straßen vor mir auftut.

Und nun ist da eine weitere Stadt, die dieses Gefühl in mir auslöst: Berlin.
Wie schön, denke ich.

Wie schön, dass das Leben mir eine weitere Stadt geschenkt hat.

 

 

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