Amsterdam, Abschiede und das Danach

 

Sind Abschiede schmerzlicher, die man nicht erwartet hat, die plötzlich über einen hereinbrechen?

Oder die, von denen man weiß, dass sie bevorstehen, die wie eine Sanduhr sind, bei der am Anfang kaum merklich die Zeit verstreicht, bis sich die Körner am Ende geradezu überschlagen, um zu verschwinden?

 

Sonne und Wolken wechseln sich ab, als ich das Haus verlasse. Ich steige auf mein Fahrrad, biege auf den Watergangseweg ein, überquere eine Brücke und bin auf einem snelfietspad, einem mehrspurigen Fahrradschnellweg. Er endet, ich fahre über Kopfsteinpflaster zwischen Wasser und süßen kleinen Häusern vorbei, dann biege ich wieder auf einen snelfietspad ein, der durch den Noorderpark führt, hin zur Fähre.

Ich muss nicht nachdenken, wo ich entlangfahre, wann ich wo abbiegen muss. Es ist Routine.

 

 

Die Fähre bringt mich und all die anderen Fahrradfahrer auf die andere Seite, in das Zentrum von Amsterdam.

Ich muss nach links weiter, Richtung Osten, geradeaus, Ampel, links, geradeaus, Ampel, rechts, links, Brücke, bis ich mein Fahrrad schließlich im Inselquartier Oostenburg vor einem Bürogebäude abstelle.

Ich gehe hinein, sage „Goedemorgen“ zu den Mitarbeiter:innen am Empfang, halte meine Zugangskarte gegen den Scanner, gehe durch das Drehkreuz. Es geht in den dritten Stock, zu der Redaktion einer großen niederländischen Zeitung, bei der ich gerade arbeite.

Es ist April 2024 – und das ist gerade mein Leben. Mein Alltag.

Doch nicht mehr lange.

 

 

In wenigen Tagen werde ich Amsterdam wieder verlassen.

Und während ich Tag für Tag in der Stadt unterwegs bin, denke ich: Wie merkwürdig es ist, dass dies alles um mich herum gerade jeder Tag ist – und bald wird es kein einziger Tag mehr sein. Es wird nie wieder so sein. Die vertrauten Wege sind bald nicht mehr meine Wege.

 

 

Ich kenne diese Gedanken. Ich habe sie in den letzten fünfzehn Jahren so, so oft gehabt. Hamburg, Genua, Düsseldorf, Brüssel – all diese Städte habe ich so verlassen. Und nun bin ich wieder in dieser Situation, weil ich Rahmen eines Journalistenstipendiums für zwei Monate in Amsterdam wohne. Ich bin gerade erst angekommen und schon verabschiede ich mich wieder.

 

 

Die Sache mit Abschieden ist die: Wir verabschieden uns nicht ein einziges Mal von etwas, sondern immerzu. Auch wenn ein Mensch, ein Ort oder eine Tätigkeit schon lange kein Teil mehr unseres Lebens ist, müssen wir uns trotzdem weiterhin immer wieder davon verabschieden.

In dem Roman „Good Material“ von Dolly Alderton, eine meiner Lieblingsautorinnen, gibt es eine Szene, in der dies (in Bezug auf eine Trennung) wunderbar verdeutlicht wird.

,I don’t know how to get over it, Mum‘, I say. ,At this point I’m so tired of myself. I don’t know how to let go of her.‘

,You don’t let go once. (…) You say goodbye over a lifetime. You might not have thought about her for  ten years, then you’ll hear a song or you’ll walk past somewhere you once went together – something will come to  the surface that you’d totally forgotten about. And you say another goodbye. You have to be prepared to let go and let go and let go a thousand times.‘

,Does it get easier?‘

,Much‘, she says.

(…)

I pour myself one more drink and go outside for one more cigarette. I wonder where she is now – I imagine her doing her long night-time skincare routine or getting a taxi home or doing an impassioned rant in a pub somewhere with her third glass of wine in her hand. And then I say goodbye to her. I wash up the glasses and remember the ongoing dispute we had about how to stack things on the drying rack. I say goodbye. I go upstairs to bed and remember when she first came to stay here, how strange it was to wake up next to her in my childhood bedroom. I say goodbye. And it feels okay. I say all my goodbyes, ready to no doubt meet her again tomorrow to say goodbye all over again.

S. 280f.

 

 

 

Ich stehe mit meinem Fahrrad an einem Donnerstagabend, nachdem die Kolleg:innen einen einen afscheidsborrel – einen Abschiedsumtrunk – für mich gegeben haben, an der Anlegestelle und warte auf die Fähre zum IJplein. Ich blicke über das Wasser vom Zentrum in den Norden der Stadt. Ein täglicher Anblick. Ich verabschiede mich.

Am Tag darauf bin ich ein letztes Mal in der Redaktion, wieder gebe ich eine Zugangskarte am Empfang ab. Wieder verlasse ich ein Bürogebäude, in das ich Tag für Tag ein- und ausgegangen bin, um nicht mehr zurückzukehren. Ich verabschiede mich.

Zusammen mit einer Nachbarskatze habe ich eine Morgenroutine entwickelt. Nach dem Aufstehen öffne ich die Terrassentür, dann setze ich mich aufs Sofa, trinke meinen Kaffee und lese. Manchmal kommt sie herein und gesellt sich zu mir. So auch an diesem Montag: Ich habe mich gerade mit meinem Kaffee aufs Sofa gesetzt, dann höre ich, wie es an der Terrassentür raschelt und sie stolziert herein.

„Hallo, du schon wieder“, sage ich zu der Katze, mit der ich mal auf Deutsch und mal auf Niederländisch spreche. Unbeeindruckt sieht sie mich an, dann springt sie auf den Esstisch, liegt sich dorthin und schläft. Ich lese weiter, irgendwann stehe ich am Küchentresen, esse Frühstück und beobachte dabei die Katze vor mir auf dem Tisch. Ich verabschiede mich.

 

 

Später fahre ich ein letztes Mal ins Zentrum, meinen vertrauten Weg durch Amsterdam-Noord, es geht mit der Fähre auf die andere Seite, dann durch die Grachten. Ich verabschiede mich.

Ich gehe ein letztes Mal in meinen Lieblingsbuchladen. Ich verabschiede mich.

 

 

Schließlich mache ich mich auf den Weg zu meinem Montagabend-Yogakurs am Kanal Nieuwevaart. „Bye bye Eva. See you the next week“, sagt die Yogalehrerin am Ende zu mir, die weiß, dass ich im Halbmond mein Bein weiter nach oben strecken kann, wenn man mich dabei festhält. Doch ab der folgenden Woche werde ich nicht mehr dabei sein. Ich trete aus dem Studio. Ich verabschiede mich.

Ich fahre mit dem Fahrrad nach Osten, dann über die Schellingwouderbrug nach Noord, wie jeden Montagabend. Um mich herum ein letztes Mal Wasser und Sonnenuntergang. Ich verabschiede mich.

Ich hole mir ein letztes Mal frietjes oorlog – Pommes mit Mayonnaise und Erdnusssauce – bei einer Frituur am Ende des schönen Nieuwendammerdijk-Viertels; ich sitze am Tisch und blicke hinaus. Ich verabschiede mich.

 

 

Und dann ist der letzte Tag gekommen. Ich stehe früh auf, sammele meine letzten Sachen im Haus zusammen und stopfe sie in meinen Backpacker-Rucksack. Als ich das Haus verlasse, steige ausnahmsweise nicht aufs Fahrrad, sondern gehe zur nächsten Bushaltestelle. Die Fahrt führt durch mein Wohnviertel, durch die Straßen, die mein Alltag waren. Ich verabschiede mich.

Es geht zur Metro, von dort bis Amsterdam Centraal, wo ich den Fernzug steige. Vor den Fenstern ziehen ein letztes Mal die IJ und die Straßen und Fassaden dieser Stadt vorbei. Ich verabschiede mich.

 

 

Ein paar Stunden später bin ich wieder in Berlin; ich schließe die Wohnungstür zu meiner WG im Wedding auf. Zweieinhalb Monate sind vergangen, seitdem ich sie hinter mir zugezogen habe. Nun streife durch die leere Wohnung, die Küche, mein Zimmer, blicke aus dem Fenster, sehe die Müllerstraße vor mir, den Bahnhof Wedding, den Fernsehturm.

Es kommt mir vor, als hätte ich in meinem Leben auf die Pausetaste gedrückt, um kurz ein anderes Leben in einer anderen Stadt auszuprobieren – und im Grunde genommen habe ich genau das getan.

Und gleichzeitig bin ich wieder in den allerletzten Momenten von etwas, ich bin wieder in einem tagtäglichen Leben, das in wenigen Tagen nicht mehr mein Leben sein wird. Nachdem ich fast vier Jahre lang von Untermiete zu Untermiete, von Zwischenlösung zu Zwischenlösung gezogen bin, ziehe ich endlich wieder in eine eigene Wohnung. Mein nächster Wohnort wird Berlin-Charlottenburg sein.

Fehlt mir Amsterdam in den nächsten Tagen? Ja, das tut es: Als ich am Nordufer entlang jogge und nicht mehr am Ringsloot. Als ich Yoga nicht mehr in Amsterdamer Studios mit Ausblicken aufs Wasser praktiziere, sondern in Berliner Hinterhöfen. Jedes Mal, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Jedes Mal, wenn ich höre, dass jemand auf der Straße oder in der Bahn Niederländisch spricht.

Doch ich trauere nicht. Ich freue mich einfach viel zu sehr auf meine neue Wohnung.

Ich freue mich so sehr auf all das, was nun kommt.

 

 

Amsterdam 2024

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