Der Tag ist vorbei, ich liege im Bett und checke in der Health- und in der Oura-App meine Tageswerte; M liegt neben mir und liest Nachrichten, über das Erdbeben in der Türkei. „Hast du schon mal ein Erdbeben erlebt?“, frage ich ihn. Er erzählt von einem Erdbeben in Indonesien während seiner zweijährigen Weltreise.
Ich berichte von Erdbeben in meinem Heimatort: Von einem, bei dem ich noch klein war, also keinerlei Erinnerungen habe, aber ich kenne die Risse in den Wänden zu Hause. Und von einem im Sommer 2002, als ich 13 Jahre alt gewesen bin: Es waren Ferien, ich wachte davon auf, dass mein Bett und das Haus wackelten. Ich dachte, dies wäre ein vorbeidonnernder Zug. Ich wunderte mich, dass der Zug wirklich lang und schnell sein musste, um dieses starke Zittern auszulösen. Dann schlief ich wieder ein und vergaß das Ganze. Erst als ich mittags Nachrichten schaute und von dem Erdbeben berichtet wurde, erinnerte ich mich wieder.
Wo sich die Kontinentalplatte anfängt zu teilen
„Der Rheingraben“, sagt M, der sich in seinem Studium auch viel mit Geologie beschäftigt hat. Ein Riss in der Erdkruste, der sich vom Oberrheingraben über die Niederrheinische Bucht und darüber hinaus erstreckt.
„Das wird der Ort sein, an dem Europa auseinanderbricht“, sagt M weiter. Als Journalistin, die sich mit Europapolitik beschäftigt, werde ich sofort hellhörig. „Wie?“, frage ich. M erzählt, dass die Kontinentalplatte dort anfängt, sich zu teilen, und irgendwann ein Teil Europas abbrechen könnte, sodass eine große Atlantikinsel entstehen würde. Es ist unklar, was vom Rheinland Teil der Insel sein wird, was Teil des Kontinents bleibt und was im Meer verschwindet.
„Vielleicht liegen Düsseldorf und Köln dann am Meer – oder sie werden versinken“, sagt M. Ich stelle mir vor, wie mein Heimatort in den Graben fällt, wie die Kirche in die Tiefe stürzt. Und gleichzeitig weiß ich: Wenn es so weit sein sollte, wird es all das ohnehin schon lange nicht mehr geben. Denn, auch das sagt M: „Es wird in etlichen Millionen Jahren passieren – Wissenschaftler:innen können es nicht genau vorhersagen.“
Da ist wieder dieses Gefühl der Beklommenheit. Bis dahin wird es die Menschheit nicht mehr geben. Nichts von mir wird übrigbleiben.
Das Gefühl von Irrelevanz
Die Erdgeschichte, unser Sonnensystem und das Weltall – all das finde ich ungeheuer spannend. Doch so faszinierend das alles auch ist: Es macht mich auch demütig, diese riesigen zeitlichen Dimensionen. In diesem Kontext scheint unser Leben dermaßen irrelevant. Mein Leben ist nur ein winziger Hauch im unaufhörlichen Lauf der Zeit. Selbst wenn Energie immer bleibt und irgendwann ein Teil von mir am Uranus herumschwirrt: Ich bin nur jetzt. Und Jetzt ist sehr kurz.
Am Tag darauf bin ich mit meiner Freundin J. verabredet. Ich erzähle ihr von dem Rheingraben, und dann reden wir über das Weltall und welche Gefühle das in uns auslöst. Auch sie sagt: In Anbetracht des Universums sind unsere Probleme, in denen es meist um Geld, Zeitmangel, Arbeit und Beziehungen geht, so dermaßen irrelevant.
Ja, pflichte ich ihr bei. Und trotzdem sind wir für einen kurzen Moment auf der Erde. Wir haben hier dieses eine Leben.
In diesem einen Leben müssen wir immer wieder austarieren, wie wir es verbringen wollen. Was wollen wir mit unserer Zeit machen? Wieviel Geld brauchen wir dafür und wie sieht die Zeit aus, in der wir dieses Geld verdienen?
Da nichts von uns bleiben wird, geht es letztlich nur darum, ein schönes, erfülltes Leben zu haben – in diesem riesigen Universum.
Fotos: Matthias Wagner
Düsseldorf (Rheinpromenade, Medienhafen und Hofgarten)
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