Jeden Tag ein Bild (oder so): Ein Fotoprojekt

Ein Tag reicht nicht aus, für all das, was ich gerne tun würde. Eine Woche auch nicht, kein Monat, kein Leben. Dabei handelt es sich aber nicht um ein persönliches Problem, das allein ich habe, sondern um ein universelles: Wir haben mehr Möglichkeiten als Zeit.

Auf Instagram bin ich auf die Idee gestoßen, sich jeden Monat eine neue „Challenge“ zu setzen. Also einen Monat lang stringent eine Sache verfolgen, sich bei ihr konkrete Ziele setzen – und machen. Und dabei beobachten, ob und wie sich das Leben ändert, wenn plötzlich eine (mehr oder weniger) neue Sache kontinuierlich in den Alltag integriert werden muss. Denn mehr Zeit haben wir ja nie; es ist ja immer eine Sache von Prioritäten, selbst gesetzt oder gesellschaftlich/beruflich erzwungen. Tut man das eine, muss man dafür etwas anderes sein lassen.

Die Idee hinter der Challenge ist nicht Selbstoptimierung (ok, vielleicht doch ein bisschen), sondern die Vielfältigkeit der Möglichkeiten auszuschöpfen. Dem Leben für einen Monat einen neuen Anstrich verleihen, und im nächsten wieder einen anderen – und dabei zu beobachten, wie dies das übrige Leben beeinflusst.

Für den Dezember hatte ich mir vorgenommen, jeden Tag eins der unzähligen Fotos zu bearbeiten, die ich in den vergangenen Jahren aufgenommen habe und die auf meiner Festplatte versauern. Jeden Tag picke ich mir einfach das Bild heraus, das mir als erstes ins Auge springt. Es muss nicht Teil einer Geschichte sein, kein Konzept haben, auch kein Meisterwerk sein. So die Idee.

Ganz geklappt hat das nicht: Schnell hat hier ein Tag gefehlt, dann noch schneller der nächste. Und plötzlich waren es zahlreiche. Aber egal, besser nur sechs Bilder bearbeitet als gar keins. Und: Es beginnen immer wieder neue Monate. Zum Beispiel der April, der gestern angebrochen ist. Hier zunächst aber die Ausbeute des vergangenen Dezembers.

Der erste Tag

Tsitsernakaberd: Denkmalkomplex zum Gedenken an die Opfer des Völkermords an den Armeniern, Jerewan

Was ist das für ein Land, habe ich mich gefragt, das international in erster Linie für seine Tragik bekannt ist? Bei meiner Kaukasus-Reise im Sommer 2019 wollte ich mir deswegen auch unbedingt Armenien ansehen.

Ich war bereits in Yad Vashem in Israel, im Auschwitz-Museum in Polen, nun also Armenien; nicht der Holocaust, sondern das davor: der Völkermord an den Armeniern, von dem sich Hitler „inspirieren“ ließ und an dessen Ausführung Deutschland auch beteiligt war.

Das Genocide Memorial thront auf einem Hügel hoch über Jerevan: Von zahlreichen Punkten der Hauptstadt lässt es sich erblicken. Sodass die Erinnerung immer da ist. Was ist das also für ein Land, das international in erster Linie für seine Tragik bekannt ist? Was ist das für eine Stadt, in der die Tragik am Horizont immer wieder erkennbar ist? Kann ich das je verstehen, als Reisender aus einem anderen Land, als jemand, der alles durch das Tuch der Geschichte betrachtet? Ich glaube, nicht.

Der zweite Tag

Der doppelte Regenbogen, Düsseldorf

Es gibt manchmal ganz ungeheuerliche Zufälle. Ein Besucher aus Hamburg erzählte mir, er habe vor ein paar Tagen einen doppelten Regenbogen gesehen: „Da war ein Regenbogen und darüber noch einer“, so die Beschreibung. Verrückt, aber so richtig vorstellen konnte ich mir das nicht. Ich hatte so etwas noch nie gesehen.

Ein paar Tage später blickte an einem Regentag irgendwann aus meinem Schlafzimmerfenster. Und da sah ich es: Einen Regenbogen – und darüber war noch einer.

Zweieinhalb Jahre ist das in etwa her. Einen weiteren doppelten Regenbogen habe ich seither nicht mehr gesehen.

Der dritte Tag

Villa Rufolo, Ravello

Wer bei Google nach Bildern von Ravello sucht, hat in der Regel das Meer zu Füßen liegen. Denn dafür ist Ravello bekannt: als kleiner Ort an der Amalfi-Küste, der gar nicht direkt dort liegt, sondern weiter oben in den Bergen, sodass man über dieses wunderschöne Fleckchen Erde geradezu thront.

Bilder von einer Terrasse über dem Meer habe ich auch in meinem Archiv (allerdings leider mit grauem Himmel). Warum ich dennoch dieses Bild zur Bearbeitung ausgewählt habe? Ich weiß es gar nicht mehr. Ich glaube, es war kurz vor Mitternacht, ich musste noch schnell ein Bild bearbeiten, denn bisher hatte ich es ja geschafft, jeden Tag ebenjenes zu tun – und dann wurde es eben dieses Bild: simple Architektur-Fotografie, klick, klick, speichern, fertig, Ziel erreicht.

Der sechste Tag

Der Fischmarkt in Tokio bei Regen

Tokio war die letzte der vier Städte, die während meiner Japan-Reise Ende 2019 besucht habe. Unglücklicherweise hat es fast die ganze Zeit geregnet, sodass ich von Tokio gar nicht so viel gesehen habe. An meinem ersten Abend in der Stadt besuchte ich den Fischmarkt, der zu Fuß von meinem Hotel aus zu erreichen war. Natürlich gab es abends kein Markttreiben mehr, aber die Atmosphäre war trotzdem einzigartig.

Dieses Bild entstand im strömenden Regen, auf meiner Linse hatten sich bereits einige Regentropfen gesammelt. Auch wenn es in erster Linie ein verwackeltes, verwischtes Bild ist, gefällt es mir. Vielleicht, weil es ein bisschen Tokio symbolisiert: das Gefühl von Eile, von Nicht-Zu-Fassen-Bekommen, von einer verschwommenen Zeit in einer anderen Welt.

Der 13. Tag

Vor den Toren der Altstadt von Baku

Dieses Bild habe ich aufgenommen, bevor ich die Altstadt von Baku zum ersten Mal betreten habe. Also kurz bevor ich einen Ort, der mich verzauberte, entdeckte. Sehe ich jetzt dieses Bild, denke ich: Ach ja, was ich in dem Moment noch alles nicht gesehen hatte, was ich aber mittlerweile kenne. Eine kleine gedankliche Begegnung mit meinem vergangenen Ich – und mit meinem zukünftigen, das noch viel sehen wird, was ich jetzt nicht kenne.

Der 27. Tag

Ein zerfallenes Haus in Lüttich

Das Internet ist voll von Lost-Places-Fotografien. Doch warum geben zerfallene Gebäude eigentlich ein gutes Bildmotiv her? Liegt es daran, dass man bei ihnen gut die Kontraste herausarbeiten kann? Oder weil sie uns an Drama und Vergänglichkeit erinnern? Vielleicht war es Letzteres, das mich dazu brachte, stehenzubleiben und ein Foto zu machen, als ich in Lüttich an diesem Haus vorbeilief. Vielleicht war es eine Mischung aus beidem, weswegen ich mich entschied, mir dieses Bild für mein Bildbearbeitungsprojekt herauszupicken.

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