Der Fluch der vielen Möglichkeiten und mein Ich in unzählbaren Universen

Gemäß der Vielweltentheorie entstehen jede Sekunde zahlreiche Kopien unseres Universums. Demnach gibt es Myriaden, also eine unzählbare Zahl, von Universen: Manche von ihnen gleichen dem Universum, in dem wir uns befinden, bis ins Detail; andere sind minimal anders; wiederum andere, deren Kopien weit vor diesem Moment entstanden, sind komplett anders.

Wenn Physiker erklären, wie sie auf diese Theorie kommen, reden sie über Quantenphysik, Leuchtdioden, Magnetresonanztomografie, Elektronen, Teilchen, Detektoratome. Ja, da bin ich auch raus – wie vermutlich jeder Mensch, der kein Physik-Nerd ist.

Ich kann also nicht sagen, dass ich an die Vielweltentheorie glaube. Genauso kann ich aber auch nicht sagen, dass ich nicht an sie glaube. Ich habe schlicht zu wenig physikalisches Wissen und Verständnis, um mir eine fundierte Meinung zu bilden. Außerdem bin ich der Ansicht, dass unsere irdische Intelligenz niemals reichen kann, das große Ganze des Universums und das, was darüber hinausgeht, zu begreifen.

Aber: Ich finde, die Möglichkeit von Myriaden anderen Universen neben unserem hat etwas ungemein Tröstliches.

 

 

Denn natürlich hadere ich wie viele Menschen von Zeit zu Zeit mit meinem Leben: mit den Entscheidungen, die ich getroffen habe, mit der Richtung, in die sich mein Leben entwickelt hat, mit der Gesellschaftsordnung, in der wir uns befinden, mit den Rahmenbedingungen, die unser Leben manchmal erschweren, mit manchen Menschen, sei es privat oder beruflich, die meinem Leben eine entscheidende Wendung hätten geben können – und sich gegen mich entschieden haben.

Wenn ich also dieses Universum, in dem ich mich befinde, in dem alle Fäden des Lebens, gesponnen durch meine eigenen Handlungen und die aller anderen Menschen, genau so zusammen gelaufen sind, wie sie es sind; wenn ich also manchmal dieses Universum verfluche und mir ein anderes Leben wünsche – dann hilft mir der Gedanke, dass ich dieses andere Leben in einem anderen Universum im Zeitstrahl neben diesem habe.

 

 

Da nach der Mehrweltentheorie alles möglich ist, haben wir für alles ein Leben. Also gibt es Unmengen an Universen, in denen ich einen anderen Beruf habe als in diesem. So bin ich irgendwo Ärztin oder habe eine eigene Apotheke/Buchhandlung/ein eigenes Restaurant. Irgendwo bin ich Fotografin oder habe es schon hinbekommen, ein Buch zu veröffentlichen. Irgendwo bin ich Flugzeugingenieurin oder erforsche als Kosmologin die Vielweltentheorie.

Es gibt Universen, in denen ich mit gewissen Personen zusammen gekommen bin. Welche, in denen ich ein Haus habe und Kinder. Welche, in denen ich in Italien lebe oder in Dubai. Alles, was ich gerne tun und erleben würde, irgendwo tue oder erlebe ich es.

Doch um jetzt nicht den typischen Denkfehler zu begehen, dass alle Leben außer dem eigenen perfekt sind, und andere Entscheidungen allesamt zum puren Glück geführt hätten: Es gibt noch viel mehr Universen, in denen ich es schlechter getroffen habe, als in diesem. Es gibt welche, in denen ich mir wünsche, ich wäre Journalistin und die Aussicht, für eine große Zeitung zu schreiben, ein sich nie erfüllender Wunsch sein wird. Welche, in denen ich es nie an die Universität geschafft habe, und all das, was ich in diesem Leben erreicht habe, nicht erreicht habe. Es gibt Universen, in denen ich alle meine Lieben verloren habe, in denen ich arm und krank bin – oder gar schon tot.

Und es gibt noch viel mehr Universen, in denen es mich nie gegeben hat. Ich habe einmal in einem Buch gelesen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass überhaupt unser Sonnensystem und die Erde überhaupt entstanden sind, dass sich auf der Erde Leben entwickelt hat und genau wir geboren wurden. Ich weiß nicht mehr, was die genaue hochkomplexe mathematische Zahl war, aber: Es ist so unwahrscheinlich, dass es eigentlich unmöglich ist – und trotzdem gibt es jeden von uns.

 

 

Abgesehen von den Irgendwo-habe-ich-es-Gedanken und dem Es-geht-noch-schlimmer-Trost gibt es noch einen dritten Aspekt, weswegen ich die Vielweltentheorie mag.

Sie hilft mir Frieden zu schließen, mit dem Leben, das ich diesem Universum habe.

Denn dies ist das eine Universum der Myriaden, das ich kennenlernen darf. Dies ist die eine Variante aller möglichen Geschichten, die mein Leben sein könnten.

Dies ist die eine Geschichte, die mir präsentiert wird und die ich mir ansehen darf. Sie ist die, bei der ich nicht weiß, was als nächstes passiert, wozu welche Szenen gut waren, wohin die Wendepunkte führen und wie das Ende ausgehen wird.

Auch wenn ich manchmal den Wechsel der Settings nicht mag, die Gegenspieler zu großem Verdruss führen und manche Figuren die Geschichte verlassen, obwohl ich das nicht möchte: Es ist die eine unglaubliche Variante, die zu bekommen, nahezu unmöglich war – und die ich doch bekommen habe. Es ist meine eine Möglichkeit in diesem einen Universum.

 

 

OUTFIT: Kleid & Sandalen: Asos | Tasche: Nak-d | Ohrringe: Veritas

 

 

Text und Fotos: Eva Fischer

Brüssel

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8 Gedanken zu “Der Fluch der vielen Möglichkeiten und mein Ich in unzählbaren Universen

  1. Oh … von der Vielweltentheorie habe ich bisher noch nichts gehört oder gelesen.
    Ich befinde mich gerne im hier und jetzt, mag deine Gedanken dazu aber sehr. Und deine Fotos gefallen mir auch total gut.
    Liebe Grüße, Katrin

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  2. Vielweltentheorie? Davon habe ich zugegeben noch nichts gehört 😉 ich hin ein großer Fan davon das Leben hier und jetzt zu leben und zu genießen. Und dennoch hat mir ein Beitrag sehr gefallen, so viele Möglichkeiten 🙂

    Danke für die Inspiration!
    LG
    Isa

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  3. Ich beschäftige mich gern mit solchen Themen und wäre auch an dem Buch interessiert, dass du erwähnst! Ich glaube nicht an diese Theorie, ich glaube, wir können schon froh sein, dass die Erde und alles auf ihr einmal entstanden ist … das war schon ein Wunder! Und dass es uns alle gibt, ist auch eins!

    Liebe Grüße
    Jana

    PS: Wenn du auf den Titel des Buches kommst, kannst du mir gern eine Nachricht schicken 😉

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  4. Hallo

    es kann vielleicht sein das es, was neben uns in Kopie ist. Aber ich kann es nicht bestätigen, sondern nur das Leben bestätigen, was ich führe und erlebe. Daher kann ich da nicht unbedingt mitreden Aber dein Kleid sieht klasse aus und steht dir.

    Liebe Grüße
    Julia

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  5. Hallo Eva,
    Ich bin eher ein Fan davon, das Leben, das wir leben, so auszurichten und zu ändern, dass es uns gefällt, wenn wir damit hadern. So ein „besseres Leben“ / „besseres Ich“ kann zwar ein tröstlicher Gedanke sein, aber es ist doch wichtiger, in der Realität zu leben und hier alles so zu organisieren, dass man zufrieden ist.

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  6. Die Vieleweltentheorie kann schon begeistern. Dennoch stehe ich eben genau in dieser Welt mit beiden Beinen auf festem Boden. Falsche Weichenstellungen oder Entscheidungen sind für mich Lehrmeister. Klar sind diese Chancen vorbei, aber heute kann ich mich, im Hier und Jetzt, wieder neu entscheiden. Das ist es, was in jeder Realität zählt, Präsenz.
    Alles Liebe
    Annette

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  7. Eine spannende Sicht auf die Dinge. Von der Vielweltentheorie habe ich noch gar nicht wirklich etwas gehört. Ist schon interessant, aber irgendwie recht surreal.
    Wenn ich unzufrieden mit meinem Leben bin, schaue ich mir den Grund an und hinterfrage mich dann selbst. Oft stelle ich fest, dass ein veränderter Blickwinkel Wunder bewirken kann.

    Übrigens, dein Outfit finde ich richtig toll.

    Liebe Grüße
    Mo

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    1. Liebe Eva
      Ein spannender Text. Ich glaube über diese Vieleweltetheorien kann man so lange nachdenken und irgendwann weiss man gar nicht mehr genau in welcher Welt/in welchem Universum man überhaupt ist. Wie du bin ich auch der Ansicht, dass unsere irdische Intelligenz niemals reichen wird, das Universum und alles was darüber hinausgeht jemals zu verstehen oder auch nur annähernd zu vergleichen. Ein schönes Outfit übrigens. Leider ist es bei mir schon so kühl geworden, dass ich so nicht mehr raus könnte.

      Liebste Grüsse Lena

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