Das Aserbaidschan-Kleid

Sollte ich auf Reisen in Kleider-Shopping-Laune kommen, kaufe ich nur in Läden ein, die es bei uns nicht gibt. Diese Regel habe ich mir vor einer Weile selbst gesetzt. Die Globalisierung macht dieses Vorhaben jedoch schwer. Egal, wo man sich auf der Welt befindet: In den Einkaufsstraßen und -zentren finden sich meist die gleichen Geschäfte. Genauso in Baku. In der Ölstadt gibt es auch keine Jung-Designer-Läden in kleinen Seitenstraßen, wie das in Tiflis und Jerewan, den Hauptstädten der beiden anderen Kaukasus-Länder, der Fall ist. Dennoch entdeckte ich in einem Bakuer Einkaufszentrum dieses Kleid – in einem Laden, dessen Namen ich noch nie gehört hatte.

Etwa zwei Wochen später – ich war mittlerweile durch Georgien gereist und in Armenien angekommen – schrieb ich einem Belgier auf WhatsApp, dass ich gerade in Armenien sei. Irgendwie kamen wir darauf, dass ich in Jerewan keine Kleiderkäufe tätigen will, da ich bereits genug in Georgien und Aserbaidschan gekauft habe. Seine Reaktion: „Ich kann mir nur vorstellen, wie ein Aserbaidschan-Kleid aussieht.“ Ich schickte ihm ein Foto von dem Kleid mit der Frage, ob er denn so etwas wie eine Abaya erwartet habe. „Um ehrlich zu sein: Ja“, war seine Antwort.

Dies ist ein typisches Beispiel dafür, dass viele von uns ein falsches oder überhaupt gar kein wirkliches Bild von Aserbaidschan haben.

Ich nehme mich davon nicht aus: Zwar hatte ich vor meiner Reise einiges über das Land gelesen, mich auch beruflich mit seiner Politik beschäftigt und habe generell ein großes Interesse an den Ländern der Region. Dennoch war ich ganz überrascht von dem Gefühl, das mich die ersten Tage nach meiner Einreise durchströmte: Nach einer Woche Istanbul – wo ich vorher gewesen war – hatte ich das Gefühl zurück in Westeuropa zu sein. Die Teenager-Pärchen, die bei Starbucks sitzen, sind genauso gekleidet wie bei uns. Die Schaufenster-Puppen tragen Mini-Kleider, Unterwäsche-Werbung gehört zum Stadtbild und im Vapiano läuft Enrique Igleasias‘ „Tonight (I’m fucking you)“ als Hintergrund-Musik.

Die Innenstadt Bakus könnte man nach Deutschland beamen – abgesehen von der Sprache würde es uns nicht auffallen. Die einzigen Abaya-Trägerinnen, die einem in Aserbaidschan begegnen, sind die Touristinnen aus den Golfstaaten, die dort gerne Urlaub machen, und es gibt auch keine Muezzin-Rufe, die warme Abende durchtränken (sehr schade übrigens).

Aserbaidschan ist Europa – aber noch so viel mehr. Die Aserbaidschaner sagen über ihr Land, dass es auf der Weltkarte wie ein Adler aussieht. Ein Adler, der von West nach Ost fliegt. So sehen sie ihren Staat: als Übergang zwischen Europa und dem Mittlerem Osten, als Teil des Westens und ebenso Teil des ehemaligen sowjetischen Ostens, als eine vermittelnde Stimme in der muslimischen Welt und in der säkularen Staatengemeinschaft.

Daran orientiert sich auch die Außenpolitik des Landes: Es pflegt gute Beziehungen zu Europa, Russland, zur arabischen und zur persischen Welt, bindet sich jedoch an keine Regionalmacht.

 

 

Ein Resultat dieser Diplomatie sehen Einreisende bereits, kurz nachdem sie aus dem Flugzeug gestiegen sind. Schilder weisen darauf hin, welche Staatsangehörige visafrei einreisen dürfen. Zu ihnen gehören: Iraner, Saudis und Israelis. Der Nahe und Mittlere Osten ist geprägt von dem Konflikt zwischen den Erzfeinden Iran und Saudi-Arabien, die jeweils die Vorherrschaft in der Region anstreben und sich als Schutzmächte der Sunniten (Saudi-Arabien) bzw. der Schiiten (Iran) sehen. Deswegen gilt häufig: Wer Iraner ist oder im Iran war, darf nicht nach Saudi-Arabien und in seine verbündeten Länder einreisen und umgekehrt. Der weitere große Konflikt in der Region ist jener zwischen Israel und der arabischen Welt, die die Existenz des jüdischen Staates als Affront sieht. Somit dürfen Israelis in viele muslimische Länder nicht einreisen und auch Nicht-Israelis mit israelischen Stempeln im Pass wird die Einreise verwehrt. Im Gegenzug können Staatsangehörige dieser Länder nicht in Israel einreisen sowie diejenigen, die einen Stempel jener Länder im Reisepass haben.

Aserbaidschan hält sich aus diesem Gezänk raus. Alle dürfen einreisen, alle dürfen in jenen Ländern gewesen sein, ganz egal, ob Saudi, Iraner, Israeli oder ein anderer Staatsangehöriger (mit der Ausnahme von Armeniern). Zudem gilt das Land als das sicherste für Juden, hat daher eine große jüdische Community und wird auch von vielen Israelis zu touristischen Zwecken gern besucht.

Aber natürlich möchte ich Aserbaidschan nicht verherrlichen: Ob Menschen jüdischen Glaubens in dem Land wirklich so sicher sind, wie es heißt, darf angezweifelt werden. Denn Informationen, die der Regierung nicht passen, werden zurückgehalten. Das Land ist gemäß Verfassung zwar eine demokratische Republik, dennoch hat sich mit den Əliyevs eine Herrscherfamilie etabliert, die ihre Familienangehörigen als Staatshelden stilisiert. Der Demokratieindex des Economists stuft Aserbaidschan auf Platz 146 und damit als autoritäres Regime ein. Nur 21 Staaten der Welt gelten als noch undemokratischer; dazu gehören die bekannten Bösewichte wie Iran, Saudi-Arabien, China, Syrien und Nordkorea. In puncto Armenien wird dem Land immer wieder Geschichtsverdrehung vorgeworfen und bei der Rangreihe der Pressefreiheit belegt Aserbaidschan Platz 168 von 180; steht also noch schlechter da als bei seiner Demokratieverfassung.

Für die EU-Außenpolitik ist Aserbaidschan mit seiner Mal-gehör-ich-hierzu-mal-dazu-Politik zudem ein schwieriger und unvorhersehbarer Partner. Der Armenien-Aserbaidschan-Konflikt, für dessen Lösung sich beide Länder aufeinander zubewegen, gegenseitige Schuldzuweisungen und Teile ihrer beanspruchten Gebiete aufgeben müssten, ist ein Sicherheitsrisiko für die Region.

Und auch beim Thema Gleichstellung der Frau muss das Land noch sehr viel tun: „Die Situation von Frauen und Frauenrechten im Südkaukasus war und ist komplex – unabhängig davon, ob die herrschende Religion nun das Christentum, der Islam oder der sowjetische Atheismus ist“, schreibt die Autorin und Islamwissenschaftlerin Melanie Krebs in ihrem Buch „Von Baku nach Batumi“*. Und weiter: „Unabhängig davon, wie viel sie in ihrem Beruf arbeiten, sind Frauen allein für den Haushalt und die Kinder zuständig.“ Auch häusliche  Gewalt ist ein Problem. Krebs verweist auf Statistiken, wonach rund die Hälfte der Aserbaidschaner es für gerechtfertigt hält, in gewissen Situationen ihre Frau zu schlagen. Zudem sinke das durchschnittliche Heiratsalter, es gebe vermehrt arrangierte Ehen, und Scheidungen werden erschwert, schreibt Krebs – was aber auch für die beiden südkaukasischen Nachbarn gelte.

Aber: Wenn wir unsere Reiseziele allein nach politischer Korrektheit und dem Status der Frauenrechte aussuchen würden, dürften wir allenfalls nach Kanada oder Neuseeland reisen und müssten sonst in Westeuropa bleiben.

Deswegen bleibe ich dabei zu sagen: Aserbaidschan ist ein faszinierendes Reiseland, das sich lohnt. Es ist unserer Heimat ähnlich und doch exotisch. Es ist Teil unserer Nachbarschaft und zugleich mit seinen Autobahnschildern, die die Entfernung nach Teheran ausweisen, ein bisschen ferne Welt.

Es ist ein Land, in dem sämtliche Kulturen aufeinandertreffen, ein Land, das alles sein will und trotzdem es selbst. Es gibt Straßenzüge, die so aussehen, als wäre man in Wien, Budapest oder Bukarest, dann die Altstadt Bakus mit ihrem Flair eines Aladdin-Märchens, die Wolkenkratzer-Projekte am Wasser, die sich an jenen der Golfstaaten orientieren, riesige Plätze und breite Straßen, wie sie für den Sowjetbau typisch sind, moderne Architektur von Star-Architekten, deren Bauwerke in den Metropolen dieser Welt zu finden sind, Moscheen im schiitischen Baustil und Berge, Täler und Flüsse, an denen die Schafsherden entlang getrieben werden.

Es ist ein Land, das überrascht und uns deswegen demonstriert, warum wir reisen: Weil jedes Land seinen ganz eigenen Zauber hat, den man erleben muss. Weil unsere Vorstellung von etwas – ist sie noch so fundiert – nie genau so ist, wie die Gefühle und die Eindrücke, die die Realität uns schenkt. Weil die Bevölkerung, die Kultur und die Politik eines Landes zwar zusammengehören, aber trotzdem nicht das Gleiche sind.

Mit jeder Reise wissen wir ein bisschen mehr über die Welt, in der wir leben. Jede Reise hilft uns, die Welt mehr zu verstehen.

 

 

OUTFIT

Kleid: adL (ähnlich hier / hier)*

Sandalen: H&M (ähnlich hier)*

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Fotos: Eva Fischer

Baku

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9 Gedanken zu “Das Aserbaidschan-Kleid

  1. Dein Kleid steht dir total gut. Finde die Farbe richtig toll und auch der Schnitt gefällt mir sehr. Ich versuche auch auf Reisen immer Lokal einzukaufen und mir Erinnerungsstücke in Form von Kleidung mitzunehmen, die mich dann beim Tragen immer wieder an der Urlaub erinnern.

    Liebe Grüße, Milli
    (https://www.millilovesfashion.de)

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  2. Wow! Dein Post ist großartig! Die Informationen und Fakten zu dem Land sind interessant und ich mag ja generell den Kaukasus! Irgendwann möchte ich auch dorthin reisen! ♥
    Dein Kleid ist übrigens Klasse und steht dir sehr gut!

    Liebe Grüße
    Sweta ♥

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  3. Ich bin ja selbst in Uzbekistan geboren und hatte eine Freundin aus Aserbaidschan, die mit mir zur Schule ging. Es war ein Sammelsurium an verschiedenen Nationalitäten und Menschen. Dieses Land mag ich aber sehr, und besonders das Essen. Ein schöner Beitrag! Und das Kleid steht dir wirklich gut!
    Liebe Grüße,
    Tanja

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  4. Hallöchen 🙂
    Wow, dass wusste ich gar nicht ö.ö Ich versuche auch wie du mehr und mehr die lokalen Geschäfte zu unterstützen, da ich es echt schade finde, dass es ja nur diese großen Märkte/Shops gibt.
    Dein Kleid ist mega schön und auch die Bilder sind echt gelungen!
    Liebe Grüße
    Alisia
    https://www.alisiaswonderworldofbooks.de/

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  5. ich finde es toll, dass du nicht nur romantisierst, sondern auch die Schattenseiten ansprichst. Es gibt für mich Länder, die in ihrer Gesamtheit aus Politik und Minderheiten so aus dem Rahmen fallen, dass sie nicht infrage kommen als Reiseziel. Aber wie du schon sagst, leider gibt es echt nicht viele, die wirklich vollumfänglich okay sind. Wenn ich mich länger und öfter in einem Land aufhalte, etwa in Kenia, versuche ich lokale Organisationen zu unterstützen, etwa im Kampf um die Legalisierung von Homosexualität.

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  6. Ich muss zugeben ich weiß nicht wirklich etwas über Aserbeidschan. Habe das Land bisher nie auf dem Schirm gehabt, daher fand ich deinen Beitrag sehr interessant und die Idee das Kleid als Aufhänger für diesen informativen Post zu nehmen sehr gelungen! War wirklich spannend zu lesen.

    Liebe Grüße,
    Diana

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  7. Du hast mich echt neugierig gemacht auf Aserbeidschan. Und ich finde Deine Idee, das Kleid als Aufhänger zu nehmen, wirklich ziemlich originell. Mal ganz was anderes, das echt Lust darauf macht, Deinen beitrag zu lesen. Hut ab, gut gebloggt.:-) Und das alles ohne ein einziges klassisches Foto aus dem Land zu zeigen. Gefällt mir sehr gut!
    LG Renate von http://www.trippics.de

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