Lesestoff: Ein Stapel Reisen

gelesene Bücher im Juni und Juli

 

 

Mikael Niemi – Die Flutwelle

 

Klappentext:
Hoch oben im Norden Schwedens regnet es schon fast den ganzen Herbst. Schließlich zeigen sich im obersten Staudamm des Lule älv erste Risse. Keiner kann sich vorstellen, dass er brechen könnte. Doch dann geschieht genau das – die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Das Wasser kommt in gigantischen Massen. Ein Tsunami im eigenen Land.
Inmitten des Infernos eine Gruppe von Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und die nun aufeinander angewiesen sind. Ein Hubschrauberpilot, der kurz vor dem Selbstmord stand. Eine Künstlerin, die mit ihrer Malgruppe in den Wäldern umherstreift. Eine Schwangere, die an einen Schornstein geklammert auf Hilfe hofft. Zwei Ingenieurinnen, die schon lange vor der Gefahr gewarnt haben. Sie alle stehen vor einer gewaltigen Herausforderung: Sie kämpfen nicht nur ums Überleben, sondern auch um ihre eigene Menschlichkeit.

 

Es ist ein ganz normaler Tag. Jeder Mensch geht seiner Beschäftigung nach. Kapitel für Kapitel lernt der Leser jemanden kennen – jede Person ein eigenwilliger Mensch mit seinen eigenen Problemen. Doch dann bricht der Staudamm und es heißt: „Rette sich, wer kann.“ Manche denken nur an sich selbst, andere versuchen auch ihren Mitmenschen zu helfen, wiederum andere handeln völlig selbstlos.

Ein spannendes Buch, das einen entsetzt zurücklässt.

 

Pro:
+ kurze Kapitel (jedes nur wenige Seiten lang)
+ Spannung
+ außergewöhnliche Handlung
+ nicht unnötig in die Länge gezogenes Buch

Contra:
– zu viele Personen – es war schwer, sie auseinander zu halten
– gewaltsame Szenen, die detailliert beschrieben werden

Bewertung: 3,5/5

 

 

Beatriz Williams – Das geheime Leben der Violet Grant

 

Klappentext:
Manhattan, 1964. Vivian Schuyler hat das Undenkbare getan: Sie hat dem glamourösen Upperclass-Leben ihrer Familie den Rücken gekehrt, um auf eigenen Beinen zu stehen und Karriere als Journalistin zu machen. Als sie herausfindet, dass sie eine skandalumwitterte Großtante hat, ist ihr Spürsinn geweckt…
Berlin, 1914. Die junge Physikerin Violet erträgt ihre Ehe mit dem älteren Professor Grant nur, um ihren Forschungen nachgehen zu können. Doch dann bricht der erste Weltkrieg aus – und ein geheimnisvoller Besucher stellt Violet vor eine Entscheidung mit dramatischen Folgen.

 

Um mich dazu zu bringen, ein Buch zu kaufen, gibt es mehrere Möglichkeiten:

  1. Lass die Hauptfigur Journalistin sein.
  2. Lass das Buch in New York spielen.
  3. Sechziger Jahre sind immer gut.
  4. Ach ja, und Erste-Weltkriegs-Geschichten finde ich auch äußerst interessant.
  5. Ich mag die Verknüpfung von mehreren Zeiten und Personen.
  6. Pack eine Frau im Retro-Look auf das Cover.

Schnapp, Falle zu. Als ich dieses Buch in der Buchhandlung gesehen habe, bin ich zu einem Roboter mutiert und habe das Buch schnurstracks gekauft. Es erfüllt nämlich die Punkte 1 bis 5.

Und es hat mich nicht enttäuscht!
Die Geschichte spielt abwechselnd im New York der Sechziger Jahre und wird aus der Perspektive von Vivian, einer angehende Journalistin, erlebt; und außerdem in Oxford und Berlin in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg aus der Sicht von Vivians Großtante Violet. Kapitelweise wird zwischen den beiden Frauen hin und her gesprungen. Dabei werden wir nicht nur Zeuge von Vivians chaotischem Leben, sondern auch von Violets Forscher-Karriere und der drohenden politischen Katastrophe.

Anfangs hatte ich kleines bisschen Schwierigkeiten mit dem Schreibstil. In den Kapiteln, die aus Vivians Sicht geschrieben sind, stolpert man hin und wieder über verschachtelte Sätze und merkwürdige Vergleiche – aber das soll wohl nur Vivians aufmüpfiges und konventionelles Wesen rüberbringen.

Ansonsten bietet das Buch alles, was man will: Drama, Intrigen, gesellschaftliche und politische Konflikte, alles gewürzt mit einer Prise Glamour und Witz – und dem Traummann als Dessert.

 

Pro:
+ faszinierende Charaktere
+ sogar zwei(!) interessante zeitliche Epochen
+ spannender Plot
+ gute Umsetzung, wie die beiden einzelnen Geschichten Stück für Stück miteinander verknüpft wurden
+ Kapitel haben eine gute Länge (sie sind meistens so um die 10 Seiten lang)
+ ein bisschen Herzschmerz und historisches Zusatzwissen gibt es noch oben drauf

Contra:
– der bereits oben erwähnte Schreibstil, an den ich mich erst gewöhnen musste
– Vivians Liebesgeschichte ist ein kleines bisschen zu kitschig und basiert zu sehr auf glücklichen Zufällen (aber nur ein kleines bisschen)

Bewertung: 4,5/5

 

Die schönsten Sätze:

„So ist das Leben, Vivian. Jeder schlägt sich irgendwie durch. Sonst schafft man es nicht bis zum Ende. Und wenn man mal Glück hat, sollte man es in vollen Zügen genießen.“ S. 484

„Es gibt eine Eigenschaft von New York, die ich ganz besonders schätze. Es ist nie wirklich still. Wenn man schweigt und der andere ebenfalls, ergreift die Metropole das Wort. In der Ferne heult eine Sirene. Eine Tür fällt donnernd ins Schloss. Das alte Ehepaar aus Nummer 4A streitet sich darüber, wer ans Telefon gehen soll. Das junge Pärchen aus Nummer 2C erreicht einen animalischen Höhepunkt. Und vor der eigenen Haustür spielen sich Millionen Leben ab, die sich kein bisschen um die eigenen Probleme schweren. Das Leben geht weiter und weiter.“ S. 168

 

 

Sarah Winman – Als Gott ein Kaninchen war

 

Klappentext:
Dies ist ein Buch über einen Bruder und eine Schwester.
Es ist ein Buch über die Kindheit und das Aufwachsen, über Freundschaften und Familien, Triumphe und Tragödien und alles, was dazwischen liegt. Vor allem aber ist es ein Buch über die Liebe in all ihren Formen.

 

Ich-Erzählerin Elly Portman wächst gut behütet in einer englischen Kleinstadt auf. In der Schule hat sie keine Freunde, außer der eigenwilligen Jenny; dafür aber ein sehr inniges Verhältnis zu ihrem Bruder Joe.

Doch dann ändert sich alles: Ellys Eltern beschließen fortzuziehen, um in Cornwall eine Frühstückspension zu eröffnen. Jenny ist kein Teil ihres Lebens mehr und auch Joe ist bald ein erwachsener Mann und geht in die USA.

Das Buch besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil spielt in Ellys Kindheit, der zweite Teil beginnt im Jahre 1995 – und findet seinen Höhepunkt mit den Anschlägen auf das World Trade Center im Jahr 2001. Man erlebt dabei, wie sich Elly von einem Kind zu einer erwachsenen Frau entwickelt und wie sie die Welt um sich herum immer wieder umdeutet und mit Schicksalsschlägen umgeht.

„Als Gott ein Kaninchen war“ ist eine eindrucksvolle Beschreibung des Laufs der Dinge – und des Laufs eines Lebens. Es zeigt uns, wie Menschen Schuld auf sich laden, obwohl sie nur das Richtige tun wollten. Und es stellt die Frage, was bleibt, wenn keine Erinnerungen mehr da sind.

Liebe, Freude, Enttäuschung, Hoffnung, Trauer – in diesem Buch gehen sie Hand in Hand.

 

Pro:
+ ein wirklich wunderschöner, poetisch anmutender Schreibstil
+ interessante, außergewöhnliche Charaktere

Contra:
– langatmiger Handlungsplot
– Spannung kommt erst im hinteren Teil des Romans auf

 

Bewertung: 3,5/5

 

Die schönsten Sätze:

„Für sie verschwammen die Tage wie hinter einem beschlagenen Fenster, das sauber zu wischen sie keinerlei Interesse hatte.“ S. 13

„Ich bin hier, aber ich gehöre dir nicht.“ S. 157

„Sie hatte es vermisst, mit jemandem zu leben, der älter war als sie und voranging; jemand, der sie von der Mauer der Sterblichkeit abschirmte, die jede Saison näher rückte.“ S. 161

„Wenn sie nachts alleine dalagen, dann wussten sie, dass dies der Anfang war, der erbarmungslose Anfang, der von nun an Gegenwart sein würde, ihr Jetzt, ihre Zukunft, ihre Erinnerung.“ S. 318

„Es hätte so schön sein können, die wechselnden Farben, die am Horizont um unsere Gunst buhlten, das Feuer, das sich in unseren Gesichtern spiegelte. Aber unsere Gesichter blieben traurig, und im Auto hatte keiner von uns auch nur ein Wort gesagt. Eine düstere Atmosphäre ließ unsere Freundschaft verstummen; letztlich wartete eine Trennung nur darauf, sich Gehör zu verschaffen.“ S. 356

 

 

Amy Tan – Das Tuschezeichen

 

Klappentext:
Ruth Young ist Halbchinesin und lebt mit ihrem Freund Art in San Francisco. Aufgewachsen ist sie in Amerika – ihre chinesische Heimat hat sie nie gesehen. Die einzige Verbindung zu ihren Wurzeln ist Ruths Mutter LuLing, die ebenfalls in San Francisco lebt. Doch LuLing, eine starrköpfige und verschlossene Frau, hat sich ganz in ihre eigene Welt der Vergangenheit zurückgezogen. Oft hat Ruth ihre Mutter gebeten, aus ihrem Leben zu erzählen, aber LuLing flüchtete sich stets in eisernes Schweigen. Mit den Jahren hörte Ruth schließlich auf, Fragen zu stellen, und die beiden entfremdeten sich immer mehr. Als ihre Mutter schwer erkrankt, entdeckt Ruth jedoch unvermutet eine Art Tagebuch LuLings – und damit den Schlüssel zu der nebulösen Vorgeschichte ihrer Mutter. Denn als sie das Vermächtnis LuLings zu lesen beginnt, taucht sie nicht nur ein, in die fremde, vergessene Welt ihrer chinesischen Vorfahren. Es offenbart sich ihr auch das tragische Geheimnis, das wie ein erstickender Schatten über dem Leben ihrer Mutter lag: Sie erfährt von ihrer Großmutter, der Frau ohne Namen, und dem Fluch, der auf ihrer Familie lasten soll. Und zum ersten Mal begreift Ruth, wie viel sie ihrer Mutter in Wahrheit bedeutet hat…

 

Dieses Buch entführt einen in das China vergangener Zeiten, in Dörfer die „Unsterbliches Herz“ heißen und zu ihren abergläubischen Bewohnern, die der Überzeugung sind, verflucht zu sein.

Die Geschichte besteht aus drei Teilen: Der erste Teil spielt in San Francisco in den Neunziger Jahren und wird aus der Perspektive von Ruth erlebt. Kapitel für Kapitel wird das schwierige Verhältnis von Ruth und ihrer Mutter beschrieben. Teilweise spielen einzelne Kapitel ebenfalls in der Vergangenheit und zeigen, wie das Verhältnis der beiden Stück für Stück zerrütteter wurde.

„Sie waren zwei schmerzgebeutelte Menschen in einem Sandsturm, und jeder warf dem anderen vor, die Ursache für den Wind zu sein.“ S. 179

Der zweite Teil des Buchs spielt in China etwa 50 Jahre zuvor, in einer Welt, in der die Menschen an Flüche und Zauber glauben. Unterdrückung und Verrat stehen an der Tagesordnung. Jeder ist sich selbst der Nächste. Eine Welt von schreiender Ungerechtigkeit. Und in dieser Welt wächst Ruths Mutter auf, ganz auf sich allein gestellt.

Im dritten Teil des Buches befinden wir uns wieder im San Francisco der Gegenwart. Ruth hat LuLings Geschichte gelesen und versteht nun besser, wie LuLing zu dem Menschen geworden ist, der sie ist. Das Verhältnis zwischen den beiden scheint sie wieder zu stabilisieren.

„Das Tuschezeichen“ ist eine emotional aufwühlend geschriebene Mutter-Tochter-Geschichte, die einen wirklich in eine ganz andere Welt entführt.

 

Pro:
+ faszinierende Kulisse des vorrevolutionären Chinas
+ leicht zu lesender Schreibstil

Contra:
– teilweise langatmige Handlungsweisen

Bewertung: 3,5/5

 

Der schönste Satz:

„Ruth fragte sich, was Menschen überhaupt glücklich machte. Konnte man an einem Ort sein Glück finden? In einem anderen Menschen? Wie stand es um ihr Glück? Musste man nur wissen, was man wollte, um dann durch den Nebel danach zu greifen?“ S. 398

 

 

Dieser Post enthält Affiliate-Links.

11 Gedanken zu “Lesestoff: Ein Stapel Reisen

  1. Echt tolle Zusammenfassung.

    Ich würde auch gerne so viel lesen 😮 Meistens komme ich nur im Urlaub dazu.

    Flutwelle klingt interessant, gerade weil ich es mag, wenn gewaltsame Szenen genau beschrieben werden 😀

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  2. Ich lese total gerne, hab aber immer weniger Zeit dazu. Super, dass ich hier schon in einige Bücker reinschnuppern kann. Werde mir “Das geheime Leben der Violet Grant” mal näher ansehen. Danke 🙂
    Liebe Grüße,
    Amira von http://www.amicoco.com

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  3. Das sind aber tolle Bücher, wirklich interessant zu lesen und da ich noch keines von ihnen kenne, werde ich mir sicher das ein oder andere auch zulegen. Wenn du wissen möchtest, welche Bücher ich im letzten Monat verschlungen habe, schau doch mal auf meinem Blog vorbei 🙂
    Liebste Grüße, Steffi
    http://steffi-worthreading.blogspot.de

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  4. Sehr schöne Reviews, ich finde es toll, wie du sie aufbaust und Pro-und Kontra Punkte stichwortartig aufführst und auch schöne Zitate heraussuchst 🙂
    ich habe noch keines der Bücher gelesen, mich sprechen aber einige davon an. Bis dahin muss ich aber meinen SUB weglesen, bevor die Zahl ins unermessliche steigt 😀

    Gefällt 1 Person

    1. Oh ja, das SUB-Problem kenne ich nur zu gut. Ich habe deswegen eine unendlich lange Wunschliste, von der immer wieder ein paar Bücher bei mir einziehen dürfen, wenn ich welche vom SUB abgebaut habe… Eben damit dieser Stapel nicht zu einen Turm mutiert 😀

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    1. Freut mich so hören 🙂 Ich habe nämlich hin und wieder meine Zweifel, ob meine Bücher-Posts überhaupt irgendjemanden interessieren 😀

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