Unterwegs im Iran

Gina Nahai – Regen am Kaspischen Meer

 

Erster Satz:

„Sie ist sechzehn Jahre alt, eine junge Frau in einer Stadt, umgeben von Bergen.“

 

Letzter Satz:

„[…] doch damit würde ich ihr das Grün des Wassers versagen, das Gold der Reisfelder und das Rauschen des Regens.“

 

 

Die Geschichte dazwischen:

Bahar stammt aus einer jüdischen Unterschichts-Familie im Iran.
Das bedeutet, sie gehört nicht nur einer religiösen Minderheit an, sondern hat auch innerhalb der jüdischen Gesellschaft keinerlei Ansehen.

 

„Manche Familien, das weiß ich inzwischen, sind merkwürdiger als andere.
Genau diese Merkwürdigkeit gefiel mir früher an meiner Familie mütterlicherseits, denn dadurch wurde sie auf eine Weise faszinierend, wie Märchenfamilien es sind – durch und durch tragisch, aber auch unwiderstehlich. Am Anfang kam mir nie in den Sinn, dass ich diese Merkwürdigkeit geerbt haben könnte, dass ich in den gleichen seltsamen Bann hineingeboren worden sein könnte und damit in die Einsamkeit der Verzauberten.“
S. 13

 

 

Zufällig begegnet ihr eines Tages Omid, der der jüdischen Oberschicht in Teheran angehört.
Omid setzt sich in den Kopf, Bahar zur Frau zu nehmen. Nicht etwa, weil er von ihr hingerissen ist, sondern weil er keine Lust auf das Suchen und Finden der Liebe hat. Bahar zur Frau zu nehmen, ist eine gute Möglichkeit für ihn, ein lästiges Problem aus dem Weg zu räumen und eine Frau zu bekommen, ohne sich groß darum bemühen zu müssen.

Anfangs kann Bahar ihr Glück kaum fassen, doch schnell merkt sie, dass sie im goldenen Käfig gefangen ist und von Außenstehenden abfällig beäugt wird.

Omid verbietet ihr weiterhin zur Schule zu gehen und einen Beruf darf sie auch nicht ausüben. Dabei träumt sie schon ihr ganzes Leben davon, Lehrerin zu werden.
Er zeigt keinerlei Interesse an ihr, ihren Wünschen oder Bedürfnissen. Er hat keine Lust, sich mit ihr zu unterhalten oder überhaupt Zeit mit ihr zu verbringen.

 

„Was geschieht, wenn man sein ganzes Leben auf einen einzigen Wunsch setzt und verliert?“
S. 118

 

In den gesellschaftlichen Kreisen ihres Mannes wird sie gemieden und abfällig behandelt, weil sie eine „von unten“ ist. Auch in ihrer eigenen Familie hat sie keinen Platz mehr, weil sie jemanden „von oben“ geheiratet hat.

Bahar hofft, durch ein gemeinsamen Kind, Omids Zuneigung zu gewinnen. Aber auch die Geburt von Tochter Yaaz kann nichts zwischen ihnen ändern.

 

„, Manchmal’, sagt er, ,musst du einen Traum vergessen, um einen anderen zu retten.’“
S. 116

 

Doch die wirkliche Tragödie beginnt erst, als Omid die schöne Muslima Niyaz kennen lernt und mit ihr zusammen sein will.

 

„Schluchzend rennt sie die Treppe hinunter in den Hof, bleibt dort vor dem Haus stehen, keuchend und weinend, jederzeit bereit, wieder loszurennen – wenn es sein muss, sogar auf die Straße – so weit zu rennen, dass er sie nicht einholen und nicht sagen kann, was er sagen wollte.“
S. 132

 

„Ich nicke, und mache einen Schritt auf sie zu, und dann laufen wir los, durch die Gasse und über die Kreuzung zu der langen Straße, an deren Ende uns, wie ich plötzlich weiß, nur noch Verzweiflung erwartet.“
S. 230

 

Die Ehe mit Bahar und die Existenz von Tochter Yaaz sind zu Omids Fesseln geworden, die ihn daran hindern, ein Leben mit der Frau führen zu können, die er liebt. Für ihn sind die beiden schuld, dass er nicht glücklich sein kann.

 

„Wenn wir hineingingen, glich das Haus einer hohlen Kammer, die leer war bis auf die einzigen, alles beherrschende Wahrheit vom Kummer meiner Eltern, von den Wunden meiner Mutter, Omids Unbarmherzigkeit und dem drohenden, allzeit drohenden Schatten der Frau, die für alles der Grund war.“
S. 133f.

 

Dieses Buch macht eindrucksvolle Weise deutlich, was gesellschaftliche Zwänge anrichten.
Was wir Menschen antun, wenn wir sie ablehnen.
Und was wir zerstören, wenn wir versuchen, das Beste für uns selbst rauszuschlagen.

 

 „In manchen Teilen der Welt ist Wahrheit gleich Freiheit. In den meisten anderen ist sie eine Strafe, die man vielleicht nicht überlebt.“
S. 194

 

Eine Geschichte, bei der von Anfang klar ist, dass sie nur tragisch enden kann.

 

„Und obwohl ich das Ende immer schon kenne, bevor ich das erste Wort gesagt habe, gefällt mir das Spiel mit den Möglichkeiten; der Gedanke, dass bei jedem neuen Erzählen ein anderer Schluss möglich ist.“
S. 8

 

„An diesem Punkt strecke ich die Hand nach Bahar und Omid aus und sah beide am Rand eines noch größeren Abgrunds stehen, in dem sich Sehnsüchte und Wünsche auftaten – seine, ihre, meine -, die nicht miteinander vereinbar waren.
Vielleicht wäre ich am Ende nicht so weit gegangen und hätte diesen nicht wiedergutmachenden Schaden angerichtet, wenn ich in der Dunkelheit nicht so allein gewesen wäre. Es ist wichtig, dass ich das nicht vergesse.“
S. 124

 

Fazit:

Ein Buch, dem Titel, Aufmachung und Klappentext keinesfalls gerecht werden.

Wortgewaltig. Poetisch. Tiefsinnig und aufwühlend.
Wer nach einem echten Lese-Geheimtipp gesucht hat, hier ist er.

5 von 5 Sternen

 

„Was ist letztendlich ein Leben, wenn nicht eine Geschichte, die wir hinterlassen? Und was, wenn diese Geschichte nie erzählt wird?“
S. 274

 

Gina Nahai – Regen am Kaspischen Meer

mare Buchverlag, 320 Seiten

ISBN-10: 3866480776

ISBN-13: 978-3866480773

5 Gedanken zu “Unterwegs im Iran

  1. Hallöchen 🙂
    Wenn du möchtest, kann ich dir solche Buttons gerne machen, du musst nur sagen, welche Größe und welche Netzwerke du brauchst. Falls du auch nen Hover Effekt möchtest, kann ich dir den Code auch noch schreiben^^

    Liebe Grüße! ^^

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  2. Klingt auf jedem Fall nach einem guten Buch, auch wenn es nicht ganz mein Genre ist. Und die Aufmachung des Posts gefällt mir gut, mit den ganzen Zitaten.

    Aber ich habe mal eine Frage: hast du irgendwo gefunden, ob man Fotos der Bücher vom Fischer Verlag verwenden darf? Ich konnte auf der Seite nämlich nichts finden, und auf meine Mail haben die auch nicht geantwortet. Bei Piper und anderen Verlägen steht es ja auf der Website…weißt du da was? 🙂

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    1. Hey 🙂
      Ich habe dir auf deine E-Mail schon geantwortet.

      Wie da schon geschrieben:
      Das Bild von dem Cover, das am Schluss eingeblendet wird, ist über das Amazon-Affiliate-Programm eingebunden. Das heißt, dass das eigentliche Bild bei Amazon liegt und ich nur darauf verlinke. Und da es durch den Affiliate-Link der direkten Verkaufsförderung dient, darf es eingeblendet werden.

      Bei dem anderen Bild habe ich, dadurch dass ich das Buch auf ein Tablett gelegt und fotografiert habe, sozusagen selber wieder ein „Werk“ geschaffen. Ob das als Urheberrechtsverletzung gilt, weil ich ja trotzdem das Bild des Buchcovers vervielfältigt habe, ist meines Wissens juristisch immernoch umstritten und dazu gibt es unterschiedliche Urteile.
      Hier lässt sich das ganz gut nachlesen:
      https://www.wbs-law.de/internetrecht/fotorecht-bildrecht/verwendung-der-fotografie-eines-buchcovers-im-rahmen-einer-buchrezension-ohne-zustimmung-des-urhebers-32292/

      Ich denke, sofern die Rezension positiv ist, werden Buchverlage nichts sagen, da es ja quasi kostenlose Werbung für sie ist. Bei negativen Kritiken wäre es vielleicht besser die Erlaubnis einzuholen, um keine böse Überraschung zu erleben.

      Ansonsten habe ich aber gesehen, dass der Fischerverlag zu Pressezwecken (wozu eine Buchbesprechung auf einem Blog gehört) ein Download-Center hat, wo man sich Buchcover herunterladen kann:
      http://www.fischerverlage.de/service/downloadcenter
      Nutzungsbedingungen stehen hier:
      http://www.fischerverlage.de/seite/downloadcenter

      Es ist also erlaubt, Cover des Fischerverlages zu verwenden 🙂

      Gefällt 1 Person

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