[dressing] Die Rückkehr des Bauchfreis

Wie Bauchfrei wieder in Mode kommen konnte:

Eine psychologische Erklärung

 

Als ich ein vierzehnjähriger Teenager war, habe ich jedem, der mir entgegen gekommen ist, meinen Bauch gezeigt. Dabei handelte es sich nicht etwa um eine jugendliche Protestaktion, sondern einfach nur um ein damaliges Mainstream-Outfit. Eine Jeans mit leichtem Schlag, der weiße Adidas-Turnschuhe mit schwarzen Streifen etwa zur Hälfte bedeckte, – und dazu ein bauchfreies Top. So bin ich damals herumgelaufen. So sind alle damals herumgelaufen. Unserer Englischlehrerin gefiel dies gar nicht – regelmäßig wurde uns angedroht, dass wir zum Schuldirektor gehen müssten, wenn wir uns nicht endlich etwas Anständiges anzögen. Ich war ziemlich ratlos und habe mich gefragt, was ich denn bloß anziehen soll. Schließlich gab es in den Läden nur Oberteile zu kaufen, die einen Teil meines Bauches partout nicht bedecken wollten.
Mit dem Auftauchen des Babydoll-Oberteils in der Mode änderte sich dieses Problem. Die Oberteile, die es in den Läden zu kaufen gab, wurden länger und weiter. Die Ära Bauchfrei war beendet.

Das ist jetzt zehn Jahre her.

Zurück blieben Fotos, bei deren Betrachten man sich fragte, wie man so etwas bloß schön finden konnte. Wie man bloß so rumlaufen konnte. Peinlich, peinlich! Und man hat sich geschworen, dass man nie, nie wieder Bauchfrei tragen würde, und fest daran geglaubt, dass es mit Sicherheit nie, nie wieder in Mode kommen würde.

Wie wenig Ahnung man doch hat. Es ist erstaunlich, wie wenig Menschen in der Lage sind, sich die Zukunft realistisch auszumalen.

Im Jahr 2014 tragen wir tatsächlich wieder Bauchfrei. Und wir finden es wieder schön.

Natürlich, weil das neue Bauchfrei jetzt ganz anders aussieht. Es handelt sich nicht mehr um eine Kombination aus Hüftjeans und engem T-Shirt, das da endet, wo der Brustkorb es auch tut. Stattdessen reden wir ab sofort von einem Crop Top und kombinieren es mit einer Highwaist-Shorts oder einem Taillenrock. Ungefähr auf jedem deutschen Modeblogs bekommt man Outfits jener Varianten präsentiert. Alle schön nach dem Credo: Der Bauchnabel muss auf jeden Fall bedeckt sein. Ihn zu sehen, das geht wirklich gar nicht!

Geht wohl. Finden zumindest die Amerikaner. Während wir uns in Europa erst wieder an den Anblick eines Bauches auf der Straße gewöhnen müssen, und deswegen niemanden zumuten möchten, sich einen fremden Bauchnabel anzusehen, hat der Teil der Welt am anderen Ende des Atlantischen Ozeans diesen Punkt schon hinter sich gebracht. Es dauert immer eine Weile, bis die Trends aus Amerika ihren Weg nach Europa finden. Trends verlaufen von Westen nach Osten, von Nord nach Süd, von den Metropolen in die Kleinstädte. Manche werden schnell Mainstream, andere brauchen ein bisschen Zeit, und manche gehen auf dem Weg verloren. Seitdem das digitale Zeitalter mit seinen globalen sozialen Netzwerken angebrochen ist, werden Trends vermutlich schneller übernommen. Wir können durch das Instagram-Profil einer Amerikanerin scrollen und dabei in die Zukunft sehen. In eine Zukunft, in der man wieder seinen Bauchnabel zeigt.

Vor sehr vielen Jahren trug eine Freundin von mir Pumps mit einer runden Schuhspitze. Ich erinnere mich noch, wie unglaublich scheußlich ich diese Schuhe fand. Spitze Schuhe gefielen mir besser. Heute laufe ich dagegen mit einer runden Schuhspitze durch die Welt. Spitze Schuhe gefallen mir nicht.

Ich habe allerdings die Vermutung, dass sich das bald wieder ändern wird. Und zwar nicht etwa, weil ich Mensch ohne eigene Meinung bin, der wahllos Trends hinterherläuft, sondern, weil ich einfach nur ein gewöhnliches menschliches Verhaltensmuster an den Tag lege. Vertrautheitseffekt nennen Psychologen dieses Phänomen. Er besagt, dass man Dinge, die einem öfters dargeboten werden, lieber mag, als Dinge, die man nicht kennt. Desto öfters man etwas präsentiert bekommt, desto schöner findet man es.

Deswegen muss man manche Lieder mehrmals hören, ehe sie einem gefallen.

Deswegen müssen einem auf der Straße erst ganz viele Jeansjacken entgegen kommen, bis man sie schön findet und auch eine haben will.

Der Vertrautheitseffekt sorgt dafür, dass die Menschen mal die Farbe Lila schön und dann wieder unglaublich hässlich finden. Die Schuhe sind mal spitz, mal rund, haben mal einen Pfennig-, mal einen Keilabsatz. Taschen sind mal eckig, mal rund, aus Stoff, Leder oder Bambus. Mal tragen wir Schlaghosen, dann wieder Röhrenjeans.

Man kann das als traurig empfinden. Dass die Mode sich gar nicht weiter entwickelt, sondern sich immer nur im Kreis dreht, und wir dabei Dinge wegschmeißen, um sie uns ein paar Jahre später wieder zu kaufen. Dass wir Dinge hässlich finden, sie oft sehen, und dann irgendwann doch schön finden und haben wollen.

Wir können es aber auch als faszinierend empfinden. Wie Trends verschwinden und wiederkommen. Wie wir die Jeansjacke irgendwann doch wieder schön finden, und feststellen, dass so eine orange Karottenhose, in der damals nur der Schul-Looser herumgelaufen ist, doch eigentlich ganz cool ist. Wir können uns dabei beobachten, wie wir dem Vertrautheitseffekt immer wieder auf den Leim gehen.

6 Gedanken zu “[dressing] Die Rückkehr des Bauchfreis

    1. Thank you very much for your nice comment. I also love the fringe shirt very much, but unfortunately I just can wear it when it is a very sunny day. In Northern Germany that does not happen very often 😦

      Liken

    1. Es freut mich, dass Dir mein Post gefällt!
      Ich war anfangs auch sehr skeptisch, aber dann hat es mir ganz schnell sehr gut gefallen.

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.