[reading] Zwischen italienischen Ruinen und dem Glanz von Hollywood

Jess Walter – Schöne Ruinen

Klappentext:

Im Frühjahr 1962 checkt eine junge amerikanische Schauspielerin in der Pension von Pasquale Tursi ein, der aus einem verschlafenen Ort an der ligurische Küste ein glamouröses Feriendomizil machen will. Fast fünfzig Jahre später reist Pasquale nach Amerika, um nach dieser Schauspielerin, an die er einst sein Herz verlor, zu suchen. Dazwischen liegen Jahrzehnte voller hochfliegender Träume und tiefer Abgründe, voller Begegnungen mit Gewinnern und Verlierern, Geliebten und Konkurrenten, die alle miteinander verbunden sind, in einem raffinierten Beziehungsgeflecht, das das Herz erwärmt und den Geist erfrischt.

 

Erster Satz:

Die todkranke Schauspielerin erreichte sein Dorf auf dem einzigen direkten Weg: in einem Motorboot, das in die Bucht steuerte, am Steindamm vorbeischlingerte und gegen das Ende des Piers rumpelte.

 

Letzter Satz:

Und selbst wenn sie nicht finden, was sie suchen, reicht es nicht, draußen im Sonnenlicht herumzustreifen?

 

Die Geschichte dazwischen:

Man schreibt das Jahr 1962: Pasquale Tursi ist Besitzer eines Hotels in dem winzigen Ort Porto Vergogna, zu Deutsch Hafen der Schande, an der ligurischen Küste im Gebiet der Cinque Terre. Er träumt davon, den Ort, den man nur mit einem Boot erreichen kann, zu einem Ferienort zu machen: Ein Ort, an dem reiche und berühmte Amerikaner ihren Urlaub verbringen.

Sein Traum rückt ein Stück näher, als Dee Moray, eine amerikanische Schauspielerin, die zum Filmstab von „Cleopatra“ zählt, in Porto Vergogna auftaucht. Für Pasquale ist es Liebe auf den ersten Blick und auch Dee findet Gefallen an ihm.

Gleichzeitig lernen wir den Hollywood-Produzenten Michael Deane kennen und seine mit Job und Beziehung unzufriedene Assistentin Claire, außerdem den narzisstischen Möchtegern-Drehbuchautor Shane. Sie befinden sich allesamt im Kalifornien der Gegenwart und werden plötzlich von einem alten Mann aus Italien aufgesucht: Pasquale, der auf der Suche nach Dee ist…

Wir machen Bekanntschaften mit Autoren und Möchtegernautoren, mit ihren Texten, Gedanken und Motiven. Mit Weltstars und Menschen, die gerne berühmt wären. Mit Menschen voller Fehlern, die von der Frage getrieben werden, wofür sie eigentlich auf der Welt sind und was ihre Existenz ausmacht. Mit Menschen ohne Hoffnungen.

Dieser Roman zeigt uns, was passiert, wenn wir Menschen manipulieren; was unsere Entscheidungen für andere bedeuten; und was wir anderen Menschen antun, wenn wir nur auf unseren eigenen Vorteil fokussiert sind. Und er versucht Antworten auf die Fragen zu finden, was uns antreibt. Und ob das, was uns antreibt, überhaupt richtig ist.

 

Jess Walter_Schöne Ruinen_Cover

 

Eigene Meinung:

Anfangs hatte ich Schwierigkeiten in das Buch hineinzufinden und mich auf seine Geschichte einzulassen. Normalerweise mag ich Geschichten, in denen in der Zeit hin und her gesprungen wird, Geschichten, mit vielen Handlungsorten und Protagonisten, bei denen erst im Laufe klar wird, in welcher Verbindung sie miteinander stehen.

Wenn ich mich gerade in einen Ort, eine Zeit und eine Personen eingefunden hatte, kam ein Wechsel, teilweise nicht nur innerhalb von Zeit und Ort, manchmal befand man sich stattdessen auch in einem Roman oder einem Drehbuch wieder.

Natürlich ist das ein Stilmittel, um Spannung aufzubauen. Normalerweise bin ich auch ein Fan von diesem. Doch gerade zu Beginn hat es den Einstieg ein bisschen schwer gemacht. Erst nach den ersten 100 Seiten kam ein bisschen Dynamik in die Geschichte und irgendwann war ich komplett ergriffen von ihr sowie von ihren Menschen und ihren Gedanken. Diese Gedanken sind es, die dieses Buch so außergewöhnlich machen.

Jess Walter hat die Fragen, die jeden von uns umtreiben, die Gedanken, um die sich unsere Leben kreisen, in eine poetische, aber dennoch klare Sprache verpackt. Das Buch lässt sich flüssig lesen und besitzt trotzdem Tiefgang und Dramatik – und beschert uns somit eine Geschichte, die uns zeigt, was die vielen Menschen, denen wir in unserem Leben begegnen, und die vielen Entscheidungen, die wir treffen, schließlich aus uns machen.

„Ein rauschendes Fest des Erzählens!“, schrieb die New York Times Book Review – und das ist es wirklich.

 

Bewertung:

4 von 5 Sternen

 

Die besten Sätze:

 „[…] Ich habe mich auch immer so gefühlt. Jahrelang. Als wäre ich eine Figur in einem Film und es könnte jeden Moment losgehen mit der Handlung. Aber ich glaube, manche Leute warten ewig, und erst am Ende ihres Lebens merken sie, dass es vorbeigegangen ist, während die darauf gewartet haben, dass es anfängt. […]“

S. 78

 

„Geschichten sind Menschen. Ich bin eine Geschichte, du bist eine Geschichte… dein Vater auch. Unsere Geschichten verzweigen sich in alle Richtungen, doch manchmal, wenn wir Glück haben, fügen sie sich nach einer Weile zu einer zusammen, dann sind wir weniger allein.“

S. 88

 

 Seit Tausenden von Jahren benutzten Armeen diese Stelle als Aussichtspunkt über dem Meer; hier oben gab es so viele Ruinen, dass Pasquale sie fast gar nicht mehr bemerkte. Manchmal löste der Schutt dieser alten Stellungen trübe Trauer in ihm aus. Wenn das die Überreste eines Weltreichs, welche Spuren konnte dann ein Einzelner wie er hinterlassen?

S. 140

 

 Pasquale spürte ein Kitzeln in der Kehle – den Drang, ihr etwas nachzubrüllen-, doch er hielt den Mund, weil er keine Ahnung hatte, was das sein konnte.

S. 164

 

Mit einer ungerechten Welt kommen die Leute klar; erst wenn die Welt willkürlich und unerklärlich wird, bricht jede Ordnung zusammen.

S. 198

 

 „Die ganze Welt ist krank … wir haben alle dieses jämmerliche Bedürfnis, wahrgenommen zu werden. […]“

S. 221

 

Während der Fahrt dachte Pat an Edinburgh, an all die separaten Künstler, die in den Straßen Handzettel verteilten, an die Türme und Kirchen, Burgen und Klippen, an das Streben nach immer Höherem, an den Zyklus des Schaffens und des Zerstörens, der auf der Meinung aller beruhte, dass sie etwas Neues sagten oder machten, während doch in Wirklichkeit alles schon millionen- und milliardenfach da gewesen war.“

S. 224f.

 

 Das passiert, wenn man in Träumen lebt, stellte er bitter fest: Man träumt dies, und man träumt das, und dabei verschläft man sein Leben.

S. 288

 

 Italien kam ihr inzwischen wie ein jäh unterbrochener Traum vor; jemanden aus dieser Zeit vor sich zu haben war wie ein Dèjà-vu, wie die die Begegnung mit einer literarischen Figur auf der Straße.

S. 348

 

  […] dass man umso mehr von Reue und Sehnsucht heimgesucht wurde, je länger man auf der Welt war […]

S. 363


Was bereits da ist, wissen wir. Was uns wirklich antreibt, ist das, was noch nicht da ist.

S. 373

 

 Vielleicht ist jede Liebe hoffnungslos.

S. 391

 

 Wer außer einem Irrsinnigen kann je mit sich im Reinen sein? Welcher Mensch, der das Leben genossen hat, kann glauben, dass eines reicht? Wer kann auch nur einen Tag leben und nicht den süßen Stachel des Bedauerns fühlen?

S. 415

 

 

 

Jess Walter

Schöne Ruinen

Gebundene Ausgabe, Karl Blessing Verlag

448 Seiten

ISBN: 3896674994

19,99 EUR

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